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Porno

Porno ist ein schlechter Lehrer

Wie geht unverkrampfte Aufklärung? Mit dieser Frage sind viele Eltern überfordert, selbst Lehrkräften fehlen oft die richtigen Worte. Dabei macht gerade die Online-Desinformation durch Porno und Co das Reden über Sex wichtiger denn je.

Auf dem Weg in den Kindergarten. Die Vierjährige hüpft plötzlich von ihrem Roller, dreht sich zu ihrer Mutter um und teilt freudestrahlend mit: "Mama, ich hab gestern beim Baden was entdeckt – wenn man da reibt, das ist so schön, das musst du auch einmal probieren!" Die Mutter stellt staunend fest: Das Kind hat seine Klitoris entdeckt.

Lektion eins in Sachen Sexualerziehung: Es geht früh los, lange vor der Pubertät. Und: Eltern sollten dem Kind das Gefühl geben, dass das Entdecken des eigenen Körpers etwas sehr Natürliches ist. "Das ist der Grundstein für eine gelungene spätere Sexualität", sagt Wolfgang Kostenwein. Er ist Psychologe, Sexologe und Leiter des Instituts für Sexualpädagogik in Wien. Was man laut dem Experten keinesfalls tun sollte, wenn der Nachwuchs über Körpererfahrungen spricht: Es ins Lächerliche ziehen, den Moment peinlich berührt übergehen oder gar schimpfen.

 


Österreich ist bei der Sexualerziehung in den Schulen eines der rückständigsten Länder in der Europäischen Union.

Josef Aigner
Sexualtherapeut


Kostenwein beantwortet hauptberuflich Fragen zum Thema Sex. Eltern, so seine Erfahrung, plagen sich oft mit der Frage: Wie gehe ich unverkrampft mit frühkindlicher Sexualität um, bringe meinem Kind aber trotzdem bei, dass man manche Dinge besser bleiben lässt? Zum Beispiel, sich vor anderen ständig in die Hose zu greifen? Der Experte rät, Sexualität als etwas zu sehen, mit dem wir geboren werden. "Es ist wie Gehenlernen. Das muss man 4/5 einem Kind ja auch nicht erklären, das lernt es über Körpererfahrungen, positive Rückkoppelungen, neurologische Verlinkungen."

Wenn das Fragen losgeht Im Umkehrschluss heißt das: Schon bei den Kleinsten können Eltern einiges falsch machen. "Wer Kindern verbietet, bestimmte Körperstellen zu berühren oder sie danach sofort Händewaschen schickt, vermittelt, dass Sexualität etwas Schmutziges ist", sagt Kostenwein. Eltern tun dies oft aus Sorge. Sie sehen bestimmte Handlungen aus dem Blick der Erwachsenen-Sexualität – und aus dieser Sicht erscheint es bedrohlich oder unpassend, was Kinder tun.

 

Was haben Lebensmittel mit dem Thema Sex zu tun? Jede Menge, zumindest wenn Jugendliche in sozialen Medien zur Sache kommen – und die entsprechenden Emojis verwenden. Der Donut steht für die Vagina, der Pfirsich für den Po.


Im Alter von zehn Jahren beginnt üblicherweise das kognitive Verstehen von Sexualität, sprich: das Fragen geht los. Eltern stehen vor der Herausforderung, dabei eine Sprache zu finden, die für sie selbst unpeinlich ist – und damit im besten Fall auch für den Nachwuchs. "Da unten" reicht jedenfalls nicht als Bezeichnung für die Geschlechtsorgane. Noch sind die Eltern Ansprechpartner für ihre Kinder, selbst wenn ihnen oft die Kompetenzen dafür fehlen, wie der Experte konstatiert: "Ich glaube, dass Eltern da wissensmäßig ziemlich alleine gelassen werden."

Als kleine Hilfestellung für diesbezüglich geforderte Eltern und Bezugspersonen hat SALTO auf den Seiten 10 bis 13 Fragen gesammelt, die Kinder und Jugendliche häufig an das Institut für Sexualpädagogik anonym stellen und Expertinnen um Antworten gebeten.

Besonders heikel wird der Umgang mit dem Thema, wenn die Pubertät in voller Blüte steht. Und der Nachwuchs eher 24 Stunden am Stück ohne Smartphone leben würde, als mit Familienmitgliedern über Sex zu reden. Viele Eltern versuchen dann zwar weiterhin den Dialog aufrechtzuerhalten, vor allem wenn es um das Thema Verhütung geht ("Kind, weißt du eh, dass ..." und "Bitte, vergiss nicht, dass ..."). Im Wesentlichen bleibt ihnen aber nichts anderes übrig, als zu hoffen, in den Jahren davor ein paar Dinge richtig gemacht zu haben.

 


Jugendliche haben große Angst davor, dass jemand ihre Unwissenheit mitbekommt und sie auslacht.

Claudia Depauli
Erziehungswissenschaftlerin


Der Sex-Talk zwischen Jung und Etwas-Älter gerät auch dank sozialer Medien ins Stocken. Trends wie Lebensmittel-Codes (siehe oben) oder das Verschicken freizügiger Selfies kennen diverse Dr.-Sommer-Generationen meist nur vom Hörensagen.

Aufklärung soll auch in der Schule passieren. So steht es jedenfalls im Lehrplan. Das birgt einiges an Konfliktpotential, denn Sexualität ist etwas sehr Privates. Viele Eltern fühlen sich unwohl bei dem Gedanken, dass ihre Kinder dieses sehr Private nach außen – sprich in die Schule – tragen sollen. Weil es bei Sex immer auch um Wert-vorstellungen, um Identitätsfragen, um Macht und Missbrauch geht. Und während manche Eltern die "Sexualisierung der Kindheit" fürchten, sind andere der Meinung, Kinder sollen so früh wie möglich erfahren, dass es unterschiedliche sexuelle Orientierungen und Lebensentwürfe gibt. Transparenz und Informationsangebote wie Elternabende können helfen, diese Ängste bei Eltern abzubauen.

Die Frage, wie, wo und durch wen Sexualerziehung stattfinden soll, ist also auch eine politische. Und sie löst immer wieder Debatten aus, gerade in einem katholisch geprägten Land wie Österreich. Das Bildungsministerium hat sich zuletzt 2015 an das Thema gewagt. Ergebnis: Der "Grundsatzerlass Sexualerziehung" hebt zwar die Bedeutung für den Schulalltag heraus, überlässt die Frage, wie Sexualerziehung stattfinden soll, im Wesentlichen aber den Lehrerinnen und Lehrern. Sie sind für "inhaltliche Ausgestaltung und die praktische Umsetzung" zuständig. Immerhin: Sex soll nicht nur in Biologie, sondern auch in Fächern wie Psychologie, Philosophie und Religion besprochen werden.

 

Nur ein Gemüse? Auch die Melanzani hat ihre besondere Bedeutung ... Sie wissen schon.

 

Fehlende Ausbildung

Wie das fachspezifisch ausgebildete Lehrpersonal plötzlich zu Teilzeit-Sexologen mutieren soll, bleibt dabei unklar. "Österreich ist hier eines der rückständigsten Länder in der EU", sagt Sexualtherapeut und Psychoanalytiker Josef Christian Aigner. "Es gibt keine Ausbildung für Lehrerinnen und Lehrer und kaum eine fachliche und wissenschaftliche Befassung mit Sexualität." Oft überlasse man das Thema ein paar "wohlmeinenden Schulsozialarbeitern". Aigner wirft der Bildungsund Wissenschaftspolitik in diesem Punkt "Totalversagen" vor. Er fordert fachlich versierte Lehrer-Fortbildungsinitiativen, "denn die sind in Österreich leider an einer Hand abzuzählen."

Das Bundeszentrum für Sexualpädagogik an der Pädagogischen Hochschule (PH) Salzburg arbeitet an solchen Angeboten. In der aktuellen Ausbildung werden zwar Vorlesungen zur Sexualpädagogik angeboten. "Lehrkräfte, die bereits länger im Dienst sind, müssen aber meist ohne diese Vorbereitung zurechtkommen", sagt Claudia Depauli. Sie ist klinische- und Gesundheitspsychologin sowie Erziehungswissenschaftlerin an der PH Salzburg. Zum Schuljahr 2018/2019 wird es erstmals ein umfassendes Online-Angebot zu Sexualität und Sexualaufklärung geben – mit Spielen, Literaturtipps, Broschüren und hochqualitativen Materialien für Lehrkräfte. "Daran arbeiten wir gerade fieberhaft", sagt Depauli; das Angebot wird kostenfrei auf der Website der PH Salzburg zur Verfügung stehen.
 

Wunsch nach Anonymität

Denn der Bedarf nach Beratung zum Thema Sex ist groß. Bei Rat auf Draht, der 24-Stunden-Helpline für Kinder und Jugendliche, rangiert das Thema auf Platz 2, gleich hinter persönlichen Problemen wie Angst, Depression oder Selbstwert. "Je nach Alter geht es um sehr unterschiedliche Dinge: Aufklärung, Menstruation, Verhütung, sexuelle Orientierung, Schwangerschaft", sagt Birgit Satke, Leiterin von Rat auf Draht. "Jugendlichen ist besonders wichtig, dass sie anonym bleiben."
 

Und der Lollipop? Erraten: Der symbolisiert Oralsex.

 


Die Möglichkeit, anonym Fragen stellen zu können, landete bei einer groß angelegten Befragung zum Thema "Sexualaufklärung in der Schule" der PH Salzburg ganz oben auf der Wunschliste der Schülerinnen und Schüler.

"Sie haben große Angst davor, dass ihre Alterskolleginnen und -kollegen ihre Unwissenheit mitbekommen und sie vielleicht dafür auslachen", sagt Studien-Mitautorin Depauli. Der vermeintliche Ausweg, sich die Infos anonym aus dem Internet zu holen, ist hochriskant: Pornos überfordern Kinder und Jugendliche – und mehr noch, meint Sexualtherapeut Aigner: "Sie sind reich an diskriminierenden und verblödenden Bildern von Frauen, aber auch von ständig geilen Männern."

65 Prozent der 15-Jährigen haben laut Umfragen bereits Pornos geschaut. Beim Institut für Sexualpädagogik setzt man auf Workshops, in denen Fiktion und Realität in der Pornografie auseinanderdividiert werden. Experte Wolfgang Kostenwein berichtet von großen Aha-Erlebnissen, "wenn wir den Jugendlichen klar machen, dass das keine Dokumentationen sind, sondern Fantasy-Produkte." Diese Bilder verlieren ihre Kraft, wenn der Grundstein für eine gute Selbstwahrnehmung rechtzeitig gelegt wurde. Am besten schon am Weg in den Kindergarten.

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