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Buchtipp

Erdbeergeschmack oder natur?

Liebe, Sex und alles Drumherum: nicht gerade ein Lieblings-Gesprächsthema zwischen Eltern und Kindern. Schon gar nicht, wenn die Rollen verkehrt sind und die Jugendlichen Aufklärungsarbeit bei den Erwachsenen leisten müssen. Ein Text von Autor und Lehrer NIKOLAUS GLATTAUER aus seinem aktuellen Buch "Ende der Kreidezeit".

Einmal gab sich die Lehrerin Reingard Söllner, 48, einen Ruck und sprach ihre Tochter Marie, 14, auf ihre innere Notlage an.
 

  • Sag, findest du deine Freunde eigentlich auch im Internet?
  • Was meinst du mit auch?
  • Auch wie alle anderen. Allein in diesem Land bewegen sich angeblich siebenhunderttausend Singles auf Dating-Portalen. Jeder Dritte findet seine Partner da drin.

Sie deutete auf das Handy in Maries Hand. Die antwortete schnippisch:

  • Sagt wer? Das Dating-Portal mit siebenhunderttausend Singles?
  • Es steht in der Zeitung.
  • Weil du auch sonst alles glaubst, was in der Zeitung steht. Und was meinst du überhaupt mit Partner?
  • Burschen. Dates. Treffen in ... Clubs. Boyfriends eben!
  • Das sind voll die Opfer, die sich so kennenlernen.
  • Dein Vater und ich haben uns auch so kennengelernt, also über Zeitungsinserate damals. Drei Treffen, die ersten beiden davon sind schiefgegangen, weil er schon damals nicht zuhören konnte und im Macki am Metzleinsthalerhof wartete statt im Macki am Matzleinsdorferplatz, aber das dritte Treffen war der Volltreffer, und zwei Treffen später war klar: Wir sind zusammen. Fünf Treffen – zwei Kinder, das nenne ich Volltreffer.
  • Hat ja supertoll geklappt mit euch, wie man heute sieht.
  • Es hat nicht deswegen nicht geklappt.
  • Und warum hat es nicht geklappt?
  • Es hat nicht geklappt, weil ich schon zwei Kinder hatte.
  • Und er noch eines wollte?
  • Nein. Weil er selber eines sein wollte.
  • Mutter, bitte vergiss die Dating- Portale! Sie fragen dich da nach deinem Charakter und so.
  • Das passt ja – eine Frage nach meinem Charakter statt nach meiner Körbchengröße.
  • Mutter, weißt du, wie so eine Frage nach deinem Charakter aussieht? Ich lese dir vor.

Marie wischte 7 Sekunden auf ihrem Handy auf und ab, dann las sie: „Wenn du deinen Charakter mit einer Sexstellung beschreiben solltest, welche Sexstellung wäre das?“

  • Ach so, diesen Charakter meinen sie.
  • Ja, oder es schreibt dir einer, nachdem er grad mal deinen Namen weiß: geiler Name. Ich bin scharf.
  • Und was schreibt ihr dann so zurück?
  • Sophie zetbe schreibt dann: Hallo scharf, ich bin Sophie. Darauf er zetbe zurück ein küssendes Smiley und: Du bist echt geil. Darauf Sophie: Nein, ich bin echt Sophie.
  • Und dann?
  • Dann war’s das, du bist weggewischt. Wenn du nicht weggewischt werden willst, müsstest du zurückschreiben: Du heißt Hans-Peter? Megascharf. Bei dir oder bei mir? Von vorn oder von hinten? Erdbeergeschmack oder natur?
  • MARIE!!!
  • Du hast ja gefragt.
  • Aber nicht das.
  • Du hast noch etwas viel Ärgeres gefragt: Du hast gefragt, ob ich dich gut aussehend finde. Du bist meine Mutter!

NIKI GLATTAUER Ende der Kreidezeit: Ein bisschen Schule – und der irre Rest des Lebens

2018 Brandstätter Verlag 196 Seiten
EUR 24,90

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