Das Magazin von SOS-Kinderdorf
Kommentar – 19. Juli 2017

Wenn das Echtheitszertifikat fehlt

"Hast du Kinder?" – "Keine, von denen ich weiß." THOMAS ROTTENBERG über unlustige Schmähs, Männer, die zu Problembären werden, und die Frage, warum das Thema Kinderlosigkeit bei Männern allzu oft unausgesprochen bleibt.

Die Frage nach den Nachkommen ist legitim. Und gefährlich. Weil Frauen ab einem gewissen Alter auf der Hut sind. Ob aus unbewusst-taktischem Wie-viel- Zeit-bleibt-mir-noch-Denken oder weil sie aus schlechten Erfahrungen gelernt haben, ist in diesem Kontext egal: Mann, mittelalt, kinderlos, ungebunden, nie verheiratet – und damit bis jetzt zufrieden? Obacht! Verdächtig! Da stimmt was nicht!

Denn potenziell bedeutet das: Bindungsangt. Oder Schmalspur-Hugh-Hefner: Der ewige Playboy, der aus Angst vor dem Alleine-alt-sein hastig nachholen will, was anderswo ein Leben dauert: Familie haben. Was aber, wenn Hans nimmer lernt, was Hänschen nie wollte? Männer im mittleren Alter sind Problembären. Erst recht, wenn die Referenzen fehlen. Vorgeschichte: Vorfamilie, Verpflichtungen, Alimente, Wohnungsdarlehen, Wochenend- Kinderdienst. Klar sind das Belastungen. Aber auch Belege. Beweise für ein Leben. Echtheitszertifikate. Familie ist heute auch Patchwork. Nur: Was, wenn es keine "Patches" gibt? Der Satz "Keine, von denen ich weiß" kann auch der Versuch sein, Unsicherheit zu kaschieren.

Denn eines dürfen Männer bis heute nicht: Angst zeigen. Etwa die Angst davor, verloren zu haben. Und wer sich am Schluss alleine fühlt, der hat verloren. Nur darf man das nicht zugeben. Der Marlboro-Mann, der einsame Wolf, der Einzelkämpfer John Rambo: Das Bild lebt, wird idealisiert und hochstilisiert. Von Frauenseite ist auch kein Verständnis zu erwarten: Die Rollen im Gender-Diskurs sind seit Jahrzehnten klar definiert. Männer, die über rollenbildimmanente oder durch neue Sozialstrukturen generierte Probleme klagen, ernten Spott und Häme. Fazit: Das Thema wird ausgespart. Wird lieber nicht angesprochen.

So wie ein dritter Punkt, der Familie mitdefiniert: Kinderlosen Männern traut man (und frau erst recht) schlicht und einfach nicht zu, mit Kindern umgehen zu können. Kinder gerne zu haben. Für sie da sein zu können. Tritt eine kinderlose Frau als neue Partnerin eines geschiedenen Vaters in Erscheinung, geht alle Welt davon aus, dass sie mit den Pubertierenden schon zurande kommen wird. Aber der kinderlose Mann, der den Eineinhalbjährigen der Neuen im Freibad wickelt oder die Vier- und die Sechsjährige babysittet, während Mutter Theater oder Spätschicht hat? Willkommen in der Welt des Generalverdachtes. Ist es nicht ein Vorurteil, anzunehmen, dass Frauen grundsätzlich besser mit Kindern umgehen können als Männer? Und wie heißt der "Ismus" für Vorurteil-qua-Gender? Exakt: Sexismus.

Doch genau den dürfen Männer nie beklagen, wollen sie ernst genommen werden. Also schweigen sie. Oder machen bei der Vorstellungsrunde beim ersten Date ohnehin einen Fehler, der sie aus dem Rennen nimmt, bevor es überhaupt begonnen hat: "Hast du…?" – "Hm. Zumindest keine, von denen ich weiß." Dieser Witz war nie lustig.

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