Das Magazin von SOS-Kinderdorf
Bild: (c) Lukas Lorenz
Interview - 23. Juni 2017

"Oft fehlen die Väter"

Patchwork, Homo-Paar oder klassische Familie: Für das Wohlergehen von Kindern seien diese Strukturen nebensächlich, sagt Ercan Nik-Nafs, Wiener Kinder- und Jugendanwalt, im SALTO-Interview – so lange genug liebevolle Bezugspersonen da sind.

Familien sind heute viel diverser als früher. Was bedeutet das aus Ihrer Sicht für das Kindswohl?
Wie die Familie organisiert ist, ist nebensächlich. Wirklich wichtig ist, dass Kinder und Jugendliche ihre Bezugspersonen haben – unabhängig von den Strukturen. Es müssen Menschen da sein, die die Kinder und Jugendlichen lieben und sich für sie interessieren. Bei Familien, die daran scheitern, ihre Kinder großzuziehen, haben wir es sehr oft mit „klassischen“ Familien zu tun.


Woran scheitern diese Familien?
Probleme entstehen dann, wenn sich Eltern über ihre Aufgaben nicht im Klaren sind. Oft ist das Problem, dass Väter ihre Rolle nicht richtig wahrnehmen. Sie fehlen entweder – oder machen durch ihre Aggressivität das Leben der Kinder schwierig. Wir haben es lange verabsäumt, die Rolle der Männer bei der Erziehung zu thematisieren. Ihre Aufgaben und Pfl ichten müssen stärker betont werden.


Wie versuchen Sie, zu verhindern, dass Familien auseinanderbrechen?
Wir können alleine kein Problem lösen. Wir versuchen, moderierend einzuwirken und alle konstruktiven Kräfte an einen Tisch zu bringen. Aber vor allem ist es wichtig, Klartext zu reden und keine falschen Hoffnungen zu wecken. Immer wieder müssen wir Maßnahmen empfehlen, die nicht im Interesse der Eltern sind, denn es geht in erster Linie um das Kindeswohl. Es ist gut, wenn man die Familie stärken und unterstützen kann – aber oft ist das auch einfach nicht möglich. Da ist dann die Behörde gezwungen, die Kinder der Familie abzunehmen und woanders unterzubringen.


Wie ist aus Ihrer Sicht das Verhältnis zwischen Eltern- und Kinderrechten?
Kinder haben gesetzliche Rechte – auf gewaltfreies Heranwachsen, auf Gesundheit, Liebe, Anerkennung, Schutz, darauf, dass sie gehört werden, dass sie sich einbringen können. Kinderrechte werden oft nicht so angewandt, wie wir uns wünschen würden. Denn wenn wir genau hinschauen, wiegen die elterlichen Rechte mitunter schwerer, weil sich unterschiedliche Stellen vor Konfl ikten mit den Eltern scheuen.


Gibt es aus Ihrer Sicht ausreichend Strukturen zur Unterstützung der Eltern?
Die Prävention ist ausbaufähig. Es fehlt an Information: Heiraten, Kinder bekommen, eine Familie gründen – das ist etwas sehr Romantisches. Aber jeder, der eine Familie hat, weiß auch, dass Kindergroßziehen eine große, schwierige Aufgabe ist. Ein fl ächendeckender Ausbau der sogenannten Frühen Hilfen für Familien wäre aus unserer Sicht dringend notwendig. Mehr Prävention, Fokus auf Kinderrechte: Dafür plädiert der Wiener Kinderund Jugendanwalt Ercan Nik-Nafs. Foto: Lukas Lorenz

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