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#Familienpolitik – 23. Juni 2017

Familienpolitik könnte viel einfacher sein

Familienpolitik in Österreich – das ist eine komplizierte Angelegenheit. Weil der österreichische Staat nicht recht weiß, was er will, und versucht, es fast allen recht zu machen.

 

Die einen – die Wohlhabenden, die Akademikerinnen und Akademiker – sollen mehr Kinder kriegen, sagt der Staat, und versucht sie mit großzügigen Geldgeschenken zu überreden. Die anderen – Mindestsicherungsbezieherinnen und -bezieher zum Beispiel – kriegen zu viele Kinder, sagt der Staat, und versucht, sie mit Kürzung der Sozialleistungen davon abzubringen. Den einen – heterosexuellen Paaren – hilft der Staat, wenn sie beim Kinderkriegen medizinische Hilfe brauchen. Anderen wiederum – Paaren, die in einer homosexuellen Beziehung leben – legt er, wenn sie genau dasselbe wollen, jede Menge rechtliche Hindernisse in den Weg.

Und wenn die Kinder erst einmal auf der Welt sind, wird’s erst recht kompliziert. Haben Sie als Selbstständige schon einmal versucht herauszufinden, wie viel Sie zum Kinderbetreuungsgeld dazuverdienen dürfen? Eben. Es gibt unüberschaubar viele Bezugsvarianten, und ebenso viele Möglichkeiten, sich zu verrechnen.
 

Teure Symbolpolitik


Das liegt daran, dass Familienpolitik in Österreich leider viel zu oft Symbolpolitik ist. Hier bringt man eine kleine ideologische Markierung an, dort ebenfalls. Jeder soll ein bisserl was von seinem Gesellschaftsbild drin wiederfinden. Insgesamt kostet das unglaublich viel Geld und bringt, was die Kinderzahlen betritt, erstaunlich bescheidene Ergebnisse. Die Familien haben am Ende dennoch das Gefühl, mit ihren Alltagsproblemen allein zu bleiben. Da zweifeln viele, ob man sich das überhaupt alles antun soll, mit Familie und Kindern. Wo doch alles so mega-kompliziert auschaut.

Familienpolitik könnte viel einfacher sein. Mit mehr Klarheit in den Zielen, mehr Fokus, und mehr Ehrlichkeit. Zum Beispiel: Wer gleichberechtigte Elternschaft will, muss gleichberechtigte Elternschaft belohnen. Kurze, anständig bezahlte Karenzzeiten für jedes Kind, insgesamt etwa ein Jahr lang, 50:50 aufgeteilt zwischen zwei gleichberechtigten Bezugspersonen, das sollte der Normalfall sein, auf den sich alle Betriebe in diesem Land einstellen können.
 

Mehr Flexibilität, mehr Individualisierung


Anschließend beginnt die Zeit der öffentlichen Betreuungs- und Bildungseinrichtungen. Von denen Österreich noch viel mehr braucht als bisher. Mit viel mehr Flexibilität, viel mehr Individualisierung, viel mehr öffentlicher Wertschätzung, und besserer Ausbildung und Begleitung der dort arbeitenden Pädagoginnen und Pädagogen. Ganz besonders viele Ressourcen muss der Staat in jene Kinder investieren, deren Eltern sich am wenigsten selbst zu helfen wissen. Derzeit tut er leider das Gegenteil: Eltern, die arbeitslos oder arbeitsunfähig sind, die nicht gut Deutsch können oder aus sonstigen Gründen am Rand der Gesellschaft leben, kriegen keinen Platz im Kindergarten. Obwohl gerade deren Kinder ihn am dringendsten brauchen würden.
 

Ganztagsschule entlastet


Weiter geht’s in der Schule. Von Vätern und Müttern wird erwartet, dass sie im Beruf Leistung bringen. Das können sie nur, wenn sie wissen, dass ihre Kinder gut aufgehoben sind. Dass sie in der Schule lernen und spielen, sich bewegen, ihre Aufgaben machen, ihre Freundschaften pflegen und zwischendurch zur Ruhe kommen können. Eine großzügige, gut ausgestattete, radikal individualisierte Ganztagsschule übernimmt Verantwortung für jedes Kind, entlastet jede Familie. Und ist daher die sinnvollste Art Familienpolitik.

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