Zwei Flüchtlingskinder beim Deutsch lernen

Wenn Bildung Glückssache wird

Eine Geschichte über Chancen

Der eine wird in einer WG betreut, kann lernen, knüpft Kontakte. Der andere bekommt kaum Gelegenheit, Fuß zu fassen.Gute Bildungsangebote für Flüchtlinge nach der Pflichtschule fehlen. Oft klnnen sie nur durch das Engagement von Freiwilligen Deutsch lernen. Gitarrenstunde, Volleyballtraining, Fußball im lokalen Verein und vergangenes Wochenende ein Streetdance-Workshop. Fein säuberlich hat er seine Termine auf einen A4-Zettel geschrieben, in eine Klarsichthülle gesteckt und auf dem Bücherregal befestigt.
 
 
Morteza, den alle hier "Morti“ nennen, ist 17 Jahre alt und Afghane. Seit November lebt er in einer WG für Flüchtlingsjugendliche von SOS-Kinderdorf in Wiener Neudorf. Die Wohnung stellt die örtliche Freiwillige Feuerwehr zur Verfügung. Dafür helfen die Burschen jeden Freitag der Feuerwehr. Sie wischen das Treppenhaus auf, saugen die Zimmer, waschen die Feuerwehrautos. Die Deutschkurse halten Freiwillige ab und die Gemeinde half SOS-Kinderdorf, die Burschen in Sportkursen unterzubringen. So finden sie leichter österreichische Freunde. Betreut werden die Jugendlichen von Mitarbeiterinnen des SOS-Kinderdorfs, die auch darauf achten, dass sie beschäftigt sind.

Morti hat Glück gehabt. Denn es ist die Ausnahme und nicht die Regel, dass Jugendliche, die ohne ihre Eltern nach Österreich geflüchtet sind, etwas lernen dürfen. Nach dem 15. Geburts-tag hat kein junger Flüchtling mehr einen gesetzlichen Anspruch auf einen Schulplatz, eine Ausbildung oder zumindest einen Deutschkurs. Mehr als 6.000 unbegleitete minderjährige Flüchtlinge warten in Österreich (Stand: Juni 2016) auf den Ausgang ihres Asylverfahrens. Und nur die wenigsten dürfen diese Monate und manchmal auch Jahre so sinnvoll nützen wie Morti in "seinem“ Feuerwehrhaus.
 

Ungleiche Freunde

Asghar, der gerade in Wiener Neudorf zu Besuch ist, hat es nicht so gut erwischt. Seit vier Jahren sind Morti und Asghar befreundet. Kennengelernt haben sie sich noch im Iran, in Österreich ist Asghar eine Woche früher angekommen als sein Freund. Wie so viele Flüchtlinge war auch Asghar in Traiskirchen in Niederösterreich. Dann wurde er in ein Flüchtlings-Zeltlager im steirischen Admont verlegt und von dort wiederum in eine Erwachsenenunterkunft in einem Vorort von Graz. Wenn man Asghar fragt, was er den ganzen Tag tut, sagt er: "Nur schlafen". Seit drei Wochen darf er endlich Deutsch lernen, sagt der Bursche. "Aber der Kurs findet nur jeden Freitag für zwei Stunden statt.“

Nach fünf Monaten in Österreich kann Asghar "Hallo", "Wie geht‘s" und "Auf Wiedersehen" sagen. Sein Freund Morti spricht schon fließend Sätze auf Deutsch, nur bei der Grammatik hakt es noch und manchmal fällt ihm ein Wort nicht ein. Die jungen Afghanen in Wiener Neudorf lernen die Sprache nicht nur fast täglich im Deutschkurs. Durch ihre vielen Aktivitäten sind sie auch ständig in Kontakt mit Einheimischen.

Probleme mit der Bürokratie

In Graz hat Asghar noch keinen einzigen Österreicher kennengelernt. "Die Leute fürchten sich vor uns, weil wir Asylwerber sind", sagt er. SOS-Kinderdorf hat versucht, auch Asghar in die Burschen-Wohngemeinschaft in Wiener Neudorf zu bringen. Der Plan scheiterte an der Bürokratie. Asghar ist während seines Asylverfahrens der Steiermark zugeteilt worden und darf deshalb nicht in Niederösterreich wohnen.

Morti hat schon konkrete Pläne: Jetzt lernt er für den Hauptschulabschluss, danach möchte er Matura machen. So flink, wie er lernt, trauen ihm seine BetreuerInnen das auch zu. Asghars Wünsche sind bescheidener: "Ich würde so gerne Deutsch lernen und auch in einen Sportkurs gehen dürfen."

Bildungsangebote für junge Flüchtlinge sind Mangelware
Rund 11.000 minderjährige Flüchtlinge leben derzeit in Österreich. Der Großteil von ihnen ist zwischen 15 und 18 Jahre alt. Viele leben in Großquartieren und Heimen – ohne altersgerechte Betreuung. Bildungsangebote sind ebenfalls Mangelware. Pflichtschulklassen dürfen Jugendliche über 15 per Gesetz nicht mehr besuchen, in Gymnasien, Berufsbildenden Höheren Schulen sowie Berufsschulen entscheiden Direktorinnen und Direktoren über freie Plätze. Lehrstellen stehen Asylsuchenden nur in sogenannten Mängelberufen offen.

Was bleibt, sind Deutschkurse an den Volkshochschulen beziehungsweise auf Initiative von Privatpersonen und Vereinen. Diese Kurse dauern allerdings oft nur ein paar Stunden die Woche – sehr wenig im Vergleich zu 30 Stunden Schule. Hilfsorganisationen sowie Arbeitgeber- und Arbeitnehmervertreter fordern deshalb zusätzliche Bildungs- und Beschäftigungsmöglichkeiten für junge Flüchtlinge.


Text: Nina Horaczek
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