Piktogramme aus  dem

Der Wertesalto

Flucht stellt Weltbilder auf den Kopf. Wie kann das Zusammenleben mit Menschen aus völlig anderen Gesellschaftssystemen funktionieren?

In den ersten Wochen verließ Wasiem (*) kaum sein Zimmer. Saß auf der Kante seines perfekt gemachten Bettes, Rücken durchgestreckt, Blick geradeaus. Rührte sich nicht vom Fleck, sprach nur das Nötigste. Die Welt um ihn herum - lärmende Jugendliche, die sich frei durchs Haus bewegen, gemeinsam lernen, kochen und ihre Freizeit verbringen – war ihm völlig fremd. Seine Welt bestand bisher aus Befehlen. Wasiem hatte bereits etliche Jahre Militärschule hinter sich. Er lebte in seiner Heimat Syrien das Leben eines Soldaten, kannte von klein auf nichts anderes als Kampf, Gehorsam und Misshandlung.

Wasiem ist 16. Seine Flucht aus der Hölle organisierten seine Eltern. Sie bezahlten Schlepper dafür, ihren Sohn nach Europa zu bringen. Er lebt seit einiger Zeit in einer Wohngruppe für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge von SOS-Kinderdorf. Wasiems Chancen, langfristig hier bleiben zu können, stehen gut. Bis sich der junge Syrer hierzulande wirklich zu Hause fühlt, wird es, so schätzen seine Betreuerinnen und Betreuer, jedoch Monate, wenn nicht Jahre dauern. Und er wird dabei viel Hilfe brauchen. Zu groß ist die Kluft zwischen alter und neuer Lebenswelt, als dass sie sich mit einem Aufenthaltstitel einfach schließen ließe.

So geht es vielen Asylwerberinnen und Asylwerbern aus Ländern wie Syrien, Afghanistan oder dem Irak. Was daheim zum Alltag gehörte, ist in ihrer neuen Umgebung plötzlich undenkbar. Dass Kinder zu Soldaten ausgebildet werden zum Beispiel.

Aha-Erlebnisse

 
Piktogramm aus dem Refugee-Guide" des Innenministeriums Umdenken ist ein langwieriger Prozess, der unumgänglich fürs Zusammenleben ist. In Österreich sollen diverse Wertekurse und Startprogramme Flüchtlingen näherbringen, wie Land und Leute ticken. Das Innenministerium stellt zudem einen "Refugee Guide"bereit, der sich an Neuankömmlinge richtet. Mittels Piktogrammen werden Asylwerbern die Dos and Don’ts vor Augen geführt. Vom Über-die-Straße- Begleiten älterer Menschen bis zum Gewaltverbot gegen Frauen und Kinder.

Ist so viel plakative Basisarbeit wirklich notwendig? Ja, sagt Bernhard Spiegel. Er leitet das Clearing-house in Salzburg, eine Wohngruppe für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge von SOS-Kinderdorf. „Diese Bilder sind gerade für die erste Orientierung sehr hilfreich und lösen bei unseren neu angekommenen Jugendlichen immer wieder Aha-Erlebnisse aus“, sagt Spiegel.So neu, wie die Wertediskussion angesichts der Flüchtlingskrise erscheine, sei sie aber gar nicht, so Spiegel (siehe auch Kasten). "Wir machen das im Clearing-house seit 15 Jahren." Kein Kurs und keine Broschüre der Welt könnten allerdings das ersetzen, worum es in der Wertevermittlung gehe. "Am wichtigsten ist die Vorbildwirkung."
 

Sinn und Perspektiven

Geflüchtete Kinder und Jugendliche brauchen – so wie jeder junge Mensch – Bezugspersonen. Erwachsene, die sich mit ihnen auseinandersetzen, als Vorbild zur Verfügung stehen und Grenzen aufzeigen. Viele minderjährige Flüchtlinge leben in österreichischen Großquartieren. Dort fehlt dieser persönliche Kontakt. Und die Möglichkeit, den Tag sinnvoll zu gestalten.

Integration gelingt, wenn Schutzsuchende nicht nur in unserem Land sondern mit uns leben – da sind sich sämtliche Experten einig. Bernhard Perchinig von der Uni Wien unterstreicht dabei die Bedeutung von Arbeit. "Flüchtlinge dürfen nicht den Rest ihres Lebens in Billigjobs hängen bleiben – sie brauchen eine Perspektive."

Wertekurse alleine, so Perchinig, könnten wenig bewirken. "Da geht es mehr um Symbolpolitik als um echte Integration."

Wasiem hat jedenfalls schon ein wenig Vertrauen zu einigen Menschen in seinem neuen Umfeld gefasst. Er besucht einen Deutschkurs, nimmt an gemeinsamen Aktivitäten teil – und manchmal lächelt er sogar.

Text: Martina Stemmer


Wir stehen unter Dauerbeobachtung

Bernhard Spiegel

Bernhard Spiegel leitet das Clearinghouse in Salzburg, ein Haus für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge von SOS-Kinderdorf. Er erzählt im Interview, welche Themen minderjährige Flüchtlinge beschäftigen.

>> Interview lesen
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