ein kleines Mädchen das mit dem Gesicht zur Wand kniet

Das harte Herz

#Chancen #Bürkokratie #Kinder

Im Sommer 2015 will Familie Meister ein unbetreutes Flüchtlingskind bei sich aufnehmen. Ihr erster Gedanke galt der Caritas. Ob dies möglich wäre? Nein!

Der zweite Gedanke galt dem Innenministerium. Könnte man vielleicht … Nein! Familie Meister versteht die Welt bis heute nicht. Wie kann es sein, dass die österreichische Bürokratie nicht einmal den Versuch unternimmt, Kinder auf der Flucht, die ihre Eltern verloren haben, in hilfsbereiten Familien unterzubringen? Ihre Reaktion:


"Das schreit zum Himmel."

Familie Meister


In dem Jahr, das seither vergangen ist, wurden erste Möglichkeiten abseits der Massenquartiere geschaffen. Dennoch: Die Geschichte der Familie Meister ist mehr als die Geschichte einer versäumten Gelegenheit. Man muss sich nur vorstellen, welche Chancen hier einem verängstigten, wahrscheinlich traumatisierten Kind genommen wurden – und wie viel ein Jahr in der Entwicklung eines solchen Kindes bedeutet, wie viel Zeit sinnlos verstrichen ist. Wahrscheinlich ist es für die Behörden einfach zu mühsam, auf österreichische Familien verteilte Kinder zu begleiten, sie im Auge zu behalten, zu überprüfen, ob die Versprechungen auch eingehalten werden. Da ist es einfacher, die Kinder in Großquartieren zu überwachen. Bestenfalls. Und wenn dann ein Jugendlicher oder ein Kind verschwinden sollte, hat man eben etliche Mühe weniger.

Verbauen von Möglichkeiten

Die Geschichte der Familie Meister ist auch eine des Schicksals. Unbetreute Flüchtlingskinder sind an einer Wegkreuzung angelangt – ohne die Kraft der Entscheidung zu haben, in welche Richtung sie ihren Lebensweg fortsetzen können: Zufall, Glück oder eben Schicksal bedeutet für die einen Ankunft und Aufnahme in einer Umgebung – sei es in einer Familie oder in kleinen Wohneinheiten mit intensiver Betreuung –, in der sie gefördert und integriert werden können. Andere landen hingegen in Hilflosigkeit, Abhängigkeit oder auch in den Fängen von Menschenhändlern. Welchen Lebensweg könnte ein Flüchtlingskind einschlagen, hätte es bei der Familie Meister Aufnahme gefunden? Wie würde man dann diese Geschichte fortschreiben können? Manche werden meinen: Eine sinnlose Frage angesichts der zehntausenden Schicksale in der Flüchtlingswelle "verlorener" Kinder.

Sie haben Unrecht, wenn man Folgendes bedenkt: Der Unterschied zwischen erfolgreicher Heilung von psychischen wie physischen Wunden und lebenslanger Entzündung hängt wahrscheinlich davon ab, welches Mitglied der Bürokratie im Einzelfall eine Entscheidung trifft: Empathisch oder verärgert über Mehrarbeit; mitfühlend oder ungehalten; schlecht oder gut gelaunt; rigid oder flexibel; mit weichem oder hartem Herz? Für viele Vorgänge der letzten Monate werden bürokratische Abläufe verantwortlich gemacht. Dem ist nicht so. Es kommt stets auf die einzelnen Personen an. Entweder jedes Flüchtlingskind wird als Mensch mit Potenzial oder als lästiges Ärgernis gesehen. Die einen erhalten binnen kürzester Zeit Klarheit über ihr weiteres Schicksal, die anderen werden einfach "vergessen". Das Ende der Geschichte wird oft von Menschen bestimmt, die diese gar nicht erzählen wollen.

Text: Anneliese Rohrer

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