Dominic Musa Schmitz

"Als Salafist musste ich nichts selbst entscheiden"

Dominic Musa Schmitz war tief in der deutschen Salafisten-Szene verwurzelt.

Mittlerweile ist er ausgestiegen – und sucht auf Social Media und in Schulen Kontakt zu jungen Menschen. SALTO erzählte er von seinen Erfahrungen.

 

Herr Schmitz, Sie sind ein gefragter Interviewpartner, Buchautor, halten Vorträge an Schulen – warum haben Sie sich dafür entschieden, Ihre Geschichte so offensiv zu erzählen?
Das hat sich praktisch von selbst ergeben. 2005 bin ich konvertiert; ab 2008 hatte ich meinen eigenen Youtube-Kanal, auf dem ich gepredigt habe, wie einige andere Salafisten in Deutschland auch. Das ist ein extrem wichtiges Medium, weil man mit ganz wenig Aufwand viele Menschen erreicht. 2010 hat sich dann mein Leben sehr stark verändert, ich habe begonnen, an dieser Ideologie zu zweifeln, dann habe ich auch meine Kritik in den Youtube-Videos geteilt und Fragen beantwortet. Dann kamen die ersten Medien auf mich zu, und irgendwie hat sich das verselbstständigt.

An den Schulen halten Sie immer wieder Vorträge mit Aussteigern aus der Neonazi-Szene. Hätten Sie damals statt Muslimen Neonazis kennengelernt – wären Sie auch ihnen gefolgt?
Nein, sicher nicht. Ich habe Faschismus immer schon verabscheut. Aber im Grunde wäre es egal gewesen, ob ein Muslim, ein Zeuge Jehovas oder ein Scientologe vor meiner Tür gestanden wäre. Ich war auf der Suche nach Antworten, nach Spiritualität, und nach einer Gemeinschaft, zu der ich dazugehören kann.

Dennoch: Vom Islam zum Salafismus ist es ein weiter Weg …
Natürlich. Aber ich habe alles über den Islam von Salafisten gelernt. Sie wirkten auf mich authentisch, weil sie ihre Religion 24 Stunden am Tag praktiziert haben, weil es keine Kompromisse gab. Salafisten haben auf alles eine Antwort. Erst später habe ich gelernt, dass die einfachsten Antworten nicht immer die besten sind. Warum ist eine Ideologie für junge Menschen ansprechend, die so strenge Regeln vorgibt? Weil viele nicht wissen, was sie mit ihrer Freiheit anfangen sollen. Sie sind überfordert durch die Fülle an Möglichkeiten. Als Salafist musste ich nichts selbst entscheiden.

Viele Ihrer damaligen Glaubensbrüder waren Hartz-IV-Empfänger. Inwiefern spielt der soziale Status bei Radikalisierung eine Rolle?
Es wäre zu einfach, zu sagen, nur Hartz-IV-Empfänger werden Salafisten. Natürlich gab es da Menschen mit Bildungslücken, aber auch junge Leute aus zerbrochenen Familien, Jugendliche, die gemobbt wurden, und so weiter. Das vereint wahrscheinlich die Neonazis und die Salafisten, sie sagen diesen Jugendlichen: Bei uns bist du willkommen. Wenn du dich unserer Ideologie anschließt, dann nehmen wir dich so, wie du bist.

Was kann man daraus für die Prävention lernen?
Ich kann nur versuchen, bei jungen Leuten den richtigen Samen in ihre Herzen einzupflanzen – damit sie im entscheidenden Moment nicht in den Flieger nach Syrien steigen. Bei mir waren es viele Gedanken und Fragen, bis ich schließlich den Mut gefasst habe, mein Weltbild zu überdenken.

War der Weg in den Jihad in Ihrer Zeit als Salafist auch schon Thema?
Sicher nicht so stark wie heute, das hat sich mit dem Syrien-Krieg vervielfacht. Ich habe als 17-, 18-Jähriger mit Pierre Vogel und anderen Salafisten auf Plätzen demonstriert und herumgeschrien. Heute sagen die Leute: Was bringt das? Wir müssen in den Jihad ziehen, wir müssen Löwen sein. Alles ist viel radikaler und kompromissloser geworden.

Im Zuge der Flüchtlingsdiskussion kommt oft das Argument, man wisse nicht, wer da komme, möglicherweise gebe es radikales Potenzial. Wie nehmen Sie das wahr?
In erster Linie kommen Menschen zu uns, die vor Glaubenskriegern flüchten, die in Sicherheit leben wollen, die gerade alles riskiert haben, um dem Krieg zu entkommen. Andererseits wäre es dumm zu sagen: Unter diesen hunderttausenden Menschen ist bestimmt kein einziger mit radikalen Ideen. Salafisten versuchen schon, gezielt Flüchtlinge anzuwerben, die vielleicht in Deutschland nicht das finden, was sie gesucht haben. Dem kann man zuvorkommen, indem man Flüchtlingen rechtzeitig hilft, Deutsch zu lernen, sich zu integrieren, Fuß zu fassen.

In nur zehn Jahren haben Sie einen weiten Weg zurückgelegt – zum Islam, zum Salafismus und wieder zurück. Bezeichnen Sie sich heute als gläubig? Tja, was heißt das schon?
Ich kann mit dem Bild von Gott im Islam immer noch viel anfangen. Religion ist für mich nach wie vor eine große Inspiration. Aber ich hinterfrage alles. Der Zweifel ist der Motor meines Denkens geworden. Ich habe Menschen, die mir Halt geben, ich brauche keine Ideologie mehr und auch keine Schulterklopfer. Jedenfalls habe ich das Gefühl, dass ich mit 28 Jahren mehr erlebt habe als so mancher 50-Jährige.

Interview: Andrea Heigl

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