Tag der Gesundheit – 06.04.20

Corona verstärkt psychische Belastung von Kindern und Jugendlichen

Bereits vor Corona waren Therapieplätze rar, der Bedarf wird weiter steigen. Wir sind auch in der Krise für psychisch belastete junge Menschen da.

Am 7. April ist Tag der Gesundheit. Diese ist mehr denn je gefährdet. COVID-19 hat nicht nur unmittelbare Auswirkungen auf am Virus Erkrankte, sondern auch auf Menschen, die bereits vor der Krise an psychischen Belastungen litten – darunter viele Kinder und Jugendliche. Österreichweit fehlten bereits vor der Corona-Krise ca. 70.000 kassenfinanzierte Therapieplätze für Kinder. In manchen Bundesländern gibt es nach wie vor keinen Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie mit Kassenvertrag. ExpertInnen gehen davon aus, dass die aktuelle Situation die Lage noch verschärfen wird.


Gewohnte Routinen und persönliche Kontakte fehlen, das ununterbrochene Zusammenleben auf oft engem Raum lässt familiäre Spannungen steigen – und noch ist kein Ende dieser Situation in Sicht.

Christoph Schneidergruber
Leiter Hermann-Gmeiner Zentrum für Kinder- und Jugendpsychiatrie Kärnten

Für vorbelastete Kinder und Jugendliche kann das einen enormen psychischen Druck bedeuten, der schlimmer wird, je länger die Situation dauert.
 

Stütze in der Krise

SOS-Kinderdorf ist mit seinen psychotherapeutischen Therapieangeboten auch in dieser schwierigen Zeit für Kinder und Jugendliche da. In unseren beiden Ambulatorien für Kinder- und Jugendpsychiatrie in Wien und Moosburg betreuen wir unsere jungen Patientinnen und Patienten weiter und bieten derzeit vor allem telefonische Therapiegespräche etwa im Bereich Psycho- und Ergotherapie oder Logopädie an. Da sich viele Telefonate um die familiäre Situation drehen, sind die TherapeutInnen vermehrt auch mit den Eltern der Kinder und Jugendlichen im Kontakt und versuchen, gemeinsam gute Wege durch die Krise zu finden. Die Betreuung ohne persönlichen Kontakt ist eine Herausforderung.


Es braucht uns jetzt umso mehr. Die Patientinnen und Patienten leiden unter ernsten Erkrankungen wie Angstzuständen, selbstverletzendem Verhalten, Essstörungen und anderen psychischen Beschwerden mit teils körperlichen Auswirkungen – sie brauchen Behandlung und Therapien und dürfen nicht im Stich gelassen werden.

Christian Kienbacher
Leiter des Ambulatoriums für Kinder- und Jugendpsychiatrie Wien

Vor allem Kinder mit Entwicklungsstörungen brauchen jetzt intensive Unterstützung um in ihrer Entwicklung nicht noch weiter zurückzufallen. "Wenn jetzt besonders bei kleinen Kindern einige Monate nichts passiert, entstehen massive weiträumige Defizite, die nicht mehr aufzuholen sind", alarmiert Schneidergruber.

 

Außergewöhnliche Zeiten erfordern außergewöhnliche Therapien

 

Das Rezept in der Krise? Eine Portion Kreativität. "Wir haben überwiegend auf Telekommunikation umgestellt. Psychotherapie findet per Videotelefonie über eine gesicherte Leitung statt. Wir beschäftigen uns schon länger mit dieser Option und können sie technisch und rechtlich korrekt umsetzen." Auch Ergotherapie, Logopädie, fachärztliche und psychologische Behandlungen laufen über Telekommunikation. Zusätzlich sind Therapiematerialien erstellt worden, die online oder per Post zugesandt und telefonisch besprochen werden. Nur in akuten Notfällen gibt es persönliche Kontakte mit den entsprechenden Schutzmaßnahmen.

Manche PatientInnen zeigen sich bei der telefonischen Beratung offener und entwickeln eine bessere Therapiebereitschaft als sonst. "Viele Jugendliche sprechen sehr gut auf die neuen Therapieformen an. Auch der Wegfall von Anfahrtswegen und die gesicherte Umgebung zu Hause schaffen viel neue Möglichkeiten." Mit jüngeren Kinder bis ca. 10 Jahre ist die Therapie auf Distanz oft schwieriger. Es fehlen wichtige Hilfsmittel wie Spielmaterialien, die in der Therapie mit Jüngeren oft das Gespräch ersetzen bzw. ergänzen. Bei PatientInnen, die sich mit den neuen Therapieformen schwer tun und telekommunikativ wenig Erfahrungen haben, wird telefonisch unterstützt und gibt es Materialien mit der Post. "Es gilt das richtige Maß zu finden, was wirkt unterstützend und was ist in der aktuellen Situation eher eine Überforderung."

Schrittweise zurück zu persönlichen Kontakten

"Auf Dauer wird es nicht möglich sein, Therapien nur aus der Ferne anzubieten", sagt Kienbacher. "Die Patientinnen und Patienten leiden unter ernsten Erkrankungen, wie Angstzuständen, selbstverletzendem Verhalten, Essstörungen und anderen psychischen Beschwerden mit teils körperlichen Auswirkungen – sie brauchen Behandlung und Therapien und dürfen nicht im Stich gelassen werden." Derzeit laufen im Ambulatorium in Floridsdorf Vorbereitungen für Schutzmaßnahmen, damit man bald auch wieder mehr direkt im Kontakt mit den Kindern und Jugendlichen stehen kann.

 

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