Interview

Traumabewältigung

Psychologin Frau Dr. Teresa Ngigi spricht über die Katastrophen und die Auswirkung auf Kinder. In „child friendly spaces“ wird mit professioneller psychologischer Hilfe an den Traumata der Kinder, aber auch der Eltern, gearbeitet.

Teresa Ngigi ist Psychologin. Sie bildet in Sierra Leone und jetzt in Syrien ein SOS-Kinderdorf-Kriseninterventionsteam für psychische Gesundheit und psychologische und soziale Unterstützung aus. Sie war im August 2017 teil des Krisenteams, das sich nach dem verheerenden Erdrutsch bei Freetown um die traumatisierten Kinder kümmerte.

 

Frau Doktor, welche kurz- und langfristigen Auswirkungen haben Katastrophen auf Kinder?

Kinder brauchen Sicherheit und Vorhersehbarkeit, zwei elementare Bedürfnisse, die in einer Katastrophe wegfallen. In der Krisenintervention muss also zuerst auf diesen Wegfall reagiert werden.

Das ist schwierig, wenn den Ersthelfern die spezifische Ausbildung fehlt, um auf diese Bedürfnisse im Extremfall zu reagieren. Dazu kommt die Betreuung der Bezugspersonen der Kinder (Mütter, Väter, Betreuer), die ja vielleicht selbst traumatisiert sind, was es besonders schwierig macht.

Manchmal kann ein gut gemeintes Gespräch der Helfer oft das Gegenteil auslösen und die Kinder noch mehr traumatisieren. Aus diesem Grund ist Ausbildung und Vorbereitung in der Traumabewältigung sehr wichtig. Der Mangel an ausgebildeten Pflegekräften ist eines der höchsten Risiken in Kirsensituationen.
 

SOS-Kinderdorf hat in Tartous, Syrien, zwei Child friendly spaces eröffnet, bei dem Kinder auch psychologisch betreut werden.

 

Gibt es einen Unterschied zwischen dem Trauma, das von einer Naturkatastrophe ausgelöst wird und den von Menschen verursachten Konflikten wie Krieg oder Vertreibung?

Wenn eine Katastrophe für die Kinder alltäglich wird, wenn also ein Krieg, eine Epidemie oder extreme Armut über einen langen Zeitraum anhalten, neigen die Kinder dazu Widerstandskräfte und Bewältigungsstrategien zu entwickeln, die sie manchmal fast taub für das Erlebte machen.
 


"Bei lang anhaltenden Situationen entwickeln Kinder oft Bewältigungsstrategien, um das Erlebte zu verdrängen."

Dr. Teresa Ngigi

 


Das ist nicht gut, aber es ist ein Strategie, es zu bewältigen. Das Trauma sitzt tief, aber sie kommen damit zurecht, viel besser zurecht als ein Kind, das plötzlich und unvermittelt in eine Katastrophe gerät. Diese Kinder hatten ja keine Möglichkeit Abwehrmechanismen zu entwickeln.
 

 

Fällt in so einem Fall die Therapie anders aus?

Ja, wir trennen das. Für uns gibt es das Entwicklungstrauma das sich über einen langen Zeitraum entwickelt, zum Beispiel Krieg, Dürre, Armut und das Ereignistrauma, zum Beispiel Erdbeben, Fluten, Autounfall, … In beiden Fällen ist die Heilung ein langfristiger Prozess.

Ein sich lange entwickeltes Trauma bringt viele Probleme mit sich: gesundheitliche Folgen, mentale Probleme, Beziehungsstörungen, Konzentrationsschwächen, Lernschwierigkeiten. Äußerlich scheint der Betroffene oft widerstandsfähig. Ein Ereignistrauma, wie es zum Beispiel bei einem Erdbeben auftritt, kann zu einer posttraumatischen Belastungsstörung führen. Das Erlebte reißt den Betroffenen derart aus der Bahn, dass er für alles Mögliche anfällig ist oder regelmäßige Flashbacks hat, also das Trauma im Geist immer wieder vor sich hat und durchlebt. Das beeinträchtigt ihr tägliches Leben, in den Alltag zurückzufinden ist schwierig bis unmöglich, sie haben gesundheitliche oder mentale Probleme.
 

Kinder aus dem child friendly space nach dem Taifun auf den Philippinen in Palanog.

 

Wie wichtig ist eine langfristige Perspektive bei der Behandlung von Trauma?

Sehr wichtig! Wenn Sie eine Therapie beginnen und am Heilungsprozess mit einem traumatisierten Kind arbeiten und ihn auf halbem Wege abbrechen, verschlechtern sie die Situation für das traumatisierte Kind - und für seine Betreuer. Es wäre dann besser, gar nicht erst mit einer Therapie anzufangen.
 


"Unsere erste Frage: Haben wir die Fähigkeiten und Ressourcen für eine langfristige und stabile Begleitung des Kindes? Erst wenn wir das mit Ja beantworten können, beginnen wir eine Therapie."

Dr. Teresa Ngigi


Deshalb ist für uns eine vorhergehende Analyse sehr wichtig: Welche Bedürfnisse hat das Kind oder der Erwachsene? Und haben wir die Ressourcen, die Zeit und das Fachwissen den Heilungsprozess zu beginnen und ihn konsequent fortzusetzen? Eine Therapie ist sehr komplex, es braucht Spezialisten, sie müssen über einen langen Zeitraum mit der traumatisierten Person arbeiten, eine solide und beruhigende Beziehung aufbauen und den Betroffen helfen, die eigenen Kräfte zurückzugewinnen.

Haben traumatische Ereignisse bei Kindern und Jugendlichen den gleichen Effekt?

Nein. In den ersten Lebensjahren wird ein Kind ausschließlich von Gefühlen geleitet. Alles wird durch Emotionen interpretiert und ausgedrückt: Mama liebt mich, Mama liebt mich nicht; Ich bin schmutzig und niemand kümmert sich um mich, also mögen sie mich nicht. Gefühle sind sehr, sehr wichtig in diesem Stadium. Ein Kleinkind versteht ja noch nicht, was um es herum geschieht.
 


"Einem Kleinkind kann man das Geschehene ja nicht rational erklären. Ein Kleinkind reagiert auf Gefühle und wird von ihnen geleitet.

Dr. Teresa Ngigi

 


Wird ein Kind älter, fängt es an zu lernen und zu verstehen. Wenn eine Überschwemmung passiert, können Sie einem älteren Kind die Katastrophe erklären: Wenn es zu viel regnet, kann es zu einer Überschwemmung kommen. Aber Kleinkinder bringen das Erlebte direkt mit sich in Verbindung: War ich das? Ist das wegen mir? Es wird zu einer tief verwurzelten Erfahrung und die Therapie erfordert viel Fachwissen und Zeit.
 

 

Nach einem Trauma ist es wichtig sich auszudrücken. Kindern gelingt dies oft mit Zeichnen oder Malen, wie hier in einem child friendly space in Preshevo, Serbien.

Wie wichtig ist es die Trauma der Eltern aufzuarbeiten?

Absolut wichtig! Wann immer ein Kind eine Katastrophe erlebt hat, braucht es dazu auch immer die Elternarbeit. Manchmal ist den Eltern gar nicht bewusst, dass sie selber traumatisiert sind. Eltern wollen ja immer helfen, aber manchmal verschlimmern sie die Situation - ohne sich dessen bewusst zu sein.
 

Was unternimmt SOS-Kinderdorf, um die psychischen Bedürfnisse von Kindern in Syrien zu erfüllen?

Der erste wichtige Schritt: Fähige und engagierte Menschen vor Ort finden und ausbilden. Menschen die selber dort leben kennen die Situation und sind darauf vorbereitet. Wir bilden lokale Sozialarbeiter aus, stärken ihre Fähigkeiten, auf die Bedürfnisse von Kindern und Familien einzugehen und erhöhen damit unsere Kapazitäten.
 


"Wir brauchen fähige und einheimische Mitarbeiter, die vor Ort sind und dort bleiben. Sie kennen die Situation und darauf bauen wir auf!"

Dr. Teresa Ngigi

 

Seit sieben Jahren herrscht Krieg. Was können wir wirklich für diese Kinder tun?

Ich glaube an die Hoffnung. Wir müssen verstehen, dass es in Syrien noch ein langer und weiter Weg ist. Der Krieg dauert an und die Menschen werden immer wieder traumatisiert werden. Wir müssen dort realistisch sein: Wir können die Probleme nicht innerhalb eines festgesetzten Rahmens lösen und danach ist alles gut.
 

Einfach Kind-sein. Kinder aus Diffa, Niger spielen im child friendly space, das nach der Dürre dort errichtet wurde.

 

Der Child Friendly Space (CFS) war in vielen Notsituationen ein zentraler Bestandteil der Arbeit von SOS-Kinderdorf. Wie wichtig sind diese Einrichtungen?

Kinderfreundliche Räume sind ein zentraler Bestandteil unserer Maßnahmen. Das CFS bietet ein kindgerechtes Umfeld für die Bewältigung von Traumata. Es ist ein sicherer Ort mit ausgebildeten Pflegekräften und ein Umfeld, in dem Kinder sich auf unterschiedliche Weise ausdrücken können.

Nach einem Trauma ist es sehr wichtig, sich - in welcher Weise auch immer - auszudrücken. Kinder machen das ohne Worte. Wir helfen ihnen sich anders auszudrücken: mit Zeichnen, mit Kunsttherapie, Singen, Tanzen und anderen Aktivitäten. Ich halte es für sehr wichtig, dass die Eltern an den Aktivitäten teilnehmen, weil sie vom Heilungsprozess ihrer Kinder genauso profitieren.

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