Jungs beim Pfeile werfen
Reisebericht – 12. Juli 2018

Survival- & Wildniswoche für die Wohngemeinschaft Anninger

Unter diesem Motto - und nach einer sehr intensiven Vorbereitungszeit mit den Jungs - starteten die Sozialpädagoginnen Julia Sinfield und Viktoria Zillich mit ihren sieben Jugendlichen im Alter von 13 bis 20 am 9. Juli gemeinsam in Richtung Norditalien, Friaul.

Unser Ziel: Tramonti Di Sotto, mitten in den Dolomiten. Dort gibt es in näherer Umgebung nur sehr kleine Ortschaften, das nächste Krankenhaus ist zwei Stunden entfernt und die Natur ist unglaublich wild und spektakulär. Wunderschöne Bergmassive, seltene Tiere, beeindruckende Schluchten mit kristallklarem eisigen Wasser, Wälder und ein Stausee mit seinen „Geisterhäuschen“ und einer Hängebrücke wurden im Rahmen dieser Wildniswoche zu unserem gemeinsamen Spielplatz.

Unsere Ankunft

In Tramonti Di Sotto angekommen, trafen wir Philipp Brunnhuber (Philo) und Melina Stadler von Native Skills, die als ausgebildete PädagogInnen, Wildnistrainer und Naturmentoren für ein dichtes Programm sorgten. Im Mittelpunkt des Programms standen hierbei Fertigkeiten und Rituale, die von diversen Naturvölkern abstammen, z.B. Biwakbau, Feuer machen, pirschen, tarnen und Alltagsgegenstände herstellen.

An unserem Lagerplatz erwartete uns eine Feuerstelle – unser Haupttreffpunkt - den wir gemeinsam mit einer Plane überdachten und ein kleines Häuschen, ausgestattet mit Nassräumen und einer Outdoorküche. Wie wir uns im Laufe der Woche noch einrichten wollten und was uns sonst an Materialien zur Verfügung stand, war von unseren Fertigkeiten abhängig und unserer Phantasie überlassen. Geschlafen wurde in Zelten.

Aufbau

Selbstgebaute Küchenutensilien

Der erste Tag

Gleich am ersten Morgen, nach einem gemeinsamen Frühstück, versammelten wir uns um das Feuer und im Programm ging es mit einer Danksagung los – diese wurde auch täglich wiederholt. Dieses Ritual ist bei vielen Indianerstämmen bis heute noch üblich, und das ganze Dorf versammelt sich am Feuer, um gemeinsam in den Tag zu starten. Das Ziel ist Danke zu sagen – je nachdem was der Person in dem Moment wichtig ist. Die Aufmerksamkeit wird z.B. auf Dinge gerichtet die für einen sonst selbstverständlich sind, man kann durch die Worte der MentorInnen lernen wie die Welt zusammenhängt (z.B. wenn die Aufmerksamkeit auf die vier Elemente, ohne die ein Leben auf der Erde nicht möglich wäre, gerichtet wird), aber man kann sich genauso bei seiner Uhr bedanken, die immer zuverlässig die Uhrzeit anzeigt, oder auf Ereignisse und Menschen aufmerksam machen. Einer hat sich auch für die vielen nervigen Fliegen bedankt, die uns täglich Geduld lehren.

Danach ging es mit dem ersten Feuer weiter. Die Jugendlichen hatten drei Streichhölzer zur Verfügung und mussten trockenes Material sammeln, um ein Feuer zu entfachen, das fünf Minuten brennt. Ein einziger Jugendlicher war zu Beginn der Woche dazu in der Lage.

Wer schafft es, das Feuer zu machen?

Ausflug in die Wildnis

Nach dem Mittagessen war der erste Ausflug in die Wildnis angesagt. Die Jungs starteten gemeinsam mit den TrainerInnen und Viki los. Ein Erwachsener musste immer im Lager bleiben um sicherzustellen, dass nichts gestohlen wurde. Die Gruppe ging durch den Fluss zu einer kleinen Schlucht, um dort von Felsen ins Wasser zu springen.

Wanderung über Stock und Stein

 

Philo hat in dieser Gegend seine Ausbildung zum Wildnistrainer genossen, und kannte sie wie seine eigene Westentasche. Während des Ausflugs kam auch schon das erste Gewitter (und viele Gewitter sollten im Laufe der Woche noch folgen...). Die Gruppe flüchtete klatschnass und frierend unter eine Brücke, und machte dort – aufgrund des Regens von Wasserfällen umgeben – Feuer, um sich zu wärmen und das Unwetter auszusitzen. Währenddessen ging im Lager tatsächlich die Welt fast unter und alles stand unter Wasser. Eine Schnur der Plane, die wir gespannt hatten, riss. Somit war das Feuer gelöscht, das Diensthandy (und zwei weitere Handys) – unsere Verbindung zur Außenwelt – wurden fast zerstört und der ganze Platz stand etwa zehn Zentimeter unter Wasser – auch das Zelt eines Jugendlichen, der vergessen hatte es vor Beginn des Ausflugs zu schließen. Immerhin stand die Outdoor-Küche noch, sodass es Tee gab, als die Gruppe zurückkehrte. Die Gruppe wurde trockengelegt, die Plane wurde frisch montiert und wir verbrachten noch einen gemütlichen Abend am Feuer.

Es folgte hier jedoch das erste emotionale Tief der Gruppe, die am liebsten auf der Stelle nach Hause gefahren wäre und auch eine Art „Zivilisationskrise“, also das Fehlen div. „Comforts of home“ machten sich ganz stark bemerkbar.

Stimmungstief mit Happy End

Der nächste Tag der mit Sonnenschein startete, ließ die Stimmung wieder ein wenig bergauf gehen. Trotzdem war es die Gruppe nicht gewöhnt, mit so dichtem Programm, so eng zusammenzuleben und immer wieder an einem Strang ziehen zu müssen – alle kamen dabei sehr an ihre Grenzen. Es gab daher im Laufe der Woche viele Eskalationen, die aber immer wieder von den beiden Pädagoginnen gut abgefangen und gelenkt wurden, sodass sich bis zum Ende ein echtes Gefühl von Gemeinschaft entwickeln konnte. Besonders gut erkennbar war dies anhand der ständig wechselnden Positionen der Wurfzelte, die zuerst im Wald verstreut standen und am Ende der Woche in einem Kreis.

Gesprächskultur als Alternative zur Gewalt:
Bereits im Rahmen der Vorbereitungszeit war uns wichtig, unseren Jugendlichen eine Art Konfliktkultur nahe zu bringen. Bei vielen Streitereien – vor allem unter den jüngeren Jugendlichen – nutzten wir fast jede Gelegenheit, um sie an einen Tisch zu bringen, und mit ihnen gemeinsam den Konflikt zu diskutieren und zu lösen. Dies nahmen sie sehr gut an, sodass wir für die Wildniswoche eine gute Basis mit den Jugendlichen hatten, um Konflikte jeder Art in Angriff zu nehmen.

Die letzten Tage

An den darauffolgenden Tagen stand jeden Tag ein Ausflug am Programm. Meist zu einer Schlucht wo die Jungs springen und schwimmen gehen konnten, oder es wurde auch ein „Geisterhaus“ erkundet zu dem sie beim Stausee über eine Hängebrücke gelangten.

Freudenprung ins Nasse

 

Neben diesen Ausflügen arbeiteten wir an unseren Survivalfertigkeiten. Wir stellten Löffel und Schüsseln aus Holz her, drehten Schnüre aus Brennnesseln und Bast, lernten über essbare Pflanzen und bauten ein Feuerbohrer-Set mit einem Feuerbogen (das Beherrschen dieser Technik dauert Jahre). Ebenfalls wurde eine Speerschleuder hergestellt, und die Jungs durften auch mit einem Bogen schießen. An einem Ausflug lernen die Jugendlichen auch sich zu tarnen und verschiedene Schritte, zB den Fuchsschritt, zur lautlosen Fortbewegung. Diese Fertigkeit konnten sie dann auch im Rahmen mehrerer Spiele anwenden.

Resümee

Auch wenn die Wildniswoche emotional sehr intensiv war, sind alle Beteiligten – Jugendliche und BetreuerInnen - ein kleines Stückchen gewachsen. Neue Freundschaften haben sich gebildet, Erfolgserlebnisse wurden sichergestellt und gepriesen, negative Erlebnisse gut bearbeitet und alte Freundschaften wurden gestärkt.

Wetter, Feuer, Bogenschießen und der Umgang mit einem Schnitzmesser haben den Jugendlichen wieder ein Stück mehr Verantwortungsgefühl gelehrt, und sowohl Handy, als auch die Playstation wurden im Laufe der Woche immer weniger Thema.
Ebenfalls mussten alle lernen, dass rechtzeitig schlafen zu gehen mehr Energie für den nächsten Tag bedeutet – und das Ganze in einer mehr als spektakulären Umgebung, die absolut beeindruckend und einmalig ist.

Es ist eine hervorragende Leistung der beiden Sozialpädagoginnen, die das Klientel der sozialpädagogisch-therapeutischen Gruppe die ganze Woche hindurch begleitet, und ebenfalls für den nachhaltigen Effekt dieser gelungenen Aktion gesorgt haben, den wir im Laufe der nächsten Wochen, Monate und vielleicht auch Jahre erleben werden.


Wenn wir miteinander unsere Zeit verbringen, können wir unsere Fähigkeiten addieren. Wenn wir füreinander unsere Zeit verbringen, können wir unsere Fähigkeiten multiplizieren.

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