Tag der psychischen Gesundheit – 10.10.19

Wird alles wieder gut?

Psychische Erkrankungen nehmen zu. Was bedeutet es für Kinder und Jugendliche, wenn ihre Eltern krank werden?

Wenn Eltern krank sind, hat das Auswirkungen auf die ganze Familie. Gerade bei länger andauernden Krankheiten fallen oft Veränderungen an, die belasten können. Viele Kinder nehmen intuitiv Rücksicht, wenn es Mama oder Papa nicht gut geht. Sie fordern weniger Aufmerksamkeit, ziehen sich unter Umständen zurück oder übernehmen Aufgaben im Haushalt oder Verantwortung gegenüber kleineren Geschwistern, um die Eltern zu entlasten. Gleichzeitig machen sie sich Sorgen. Wird alles wieder gut?

Dass dieses Szenario kein Einzelfall ist, zeigen aktuelle Umfrage-Werte, die das Institut für Jugendkulturforschung im Auftrag von SOS-Kinderdorf erhoben hat: 42 % der befragten Jugendlichen empfinden gesundheitliche Probleme innerhalb der Familie als belastend.

Überrascht dieses Ergebnis? Nein, sagt Dr. Christian Kienbacher, Leiter des Ambulatoriums für Kinder- und Jugendpsychiatrie von SOS-Kinderdorf in Wien. Er weiß, dass Erkrankungen innerhalb der Familie großen Stress auslösen können. Bei allen Kindern und Jugendlichen, die im Ambulatorium behandelt werden, – etwa mit Ergo- oder Psychotherapie – wird darum genau die familiäre Situation besprochen. Mit wem lebt das Kind und wie geht es diesen Personen? Leiden Familienmitglieder unter Krankheiten, wird das mit den Kindern und Jugendlichen thematisiert – teilweise auch gemeinsam mit den Eltern.

Wir müssen reden!

Über Krankheiten zu reden, ist schwer. Und über psychische Krankheiten zu reden, oft eine schier unüberwindbare Hürde. Aber es lohnt sich, innerhalb der eigenen Familie dieses Tabu zu brechen. Denn Kinder werden nicht geschont, wenn psychische Probleme der Eltern ausgespart werden, sondern im Gegenteil – sie leiden unter Umständen unter der Unsicherheit noch mehr.


Es ist wichtig, mit den Kindern darüber zu reden, dass es einem nicht gut geht, wie sich das anfühlt und was es bedeutet

Dr. Christian Kienbacher
Leiter des Ambulatoriums für Kinder- und Jugendpsychiatrie

Wenn Eltern ihre Krankheit nicht in der Familie besprechen, malen sich Kinder oft noch viel Schrecklicheres aus, als tatsächlich der Fall ist. Außerdem beziehen Kinder eine Veränderung der Eltern meist auf sich. Wenn der Papa keine Energie hat, am Samstag zum Drachensteigen zu gehen, denkt die Tochter nicht an eine psychische Belastung, sondern vermutet, etwas falsch gemacht zu haben.

"Mit Kindern sollte altersgerecht darüber geredet werden, was die nächsten Schritte sind und wie die Familie durch diese Krise gehen wird", so Dr. Kienbacher. Dabei sollten vor allem Fragen ihren Platz haben. Was beschäftigt das Kind? Worüber macht es sich Sorgen, was möchte es besprechen?

Und auch das weitere Umfeld ist wichtig. Wenn Bezugspersonen in der Schule, Großeltern oder Freundinnen und Freunde Bescheid wissen, können sie das Kind in der schwierigen Phase besser unterstützen.

Weiterführende Informationen

 

Kinderrecht auf Gesundheit

Bei organischen Erkrankungen bekommen Patientinnen und Patienten alles, was fachlich richtig ist. Eine Wunde wird verbunden, gegen die Grippe ein Medikament verordnet und mit dem Bandscheibenvorfall geht man zur Physiotherapie. Auch für psychische Erkrankungen gibt es die passenden Therapien. Doch der Zugang zu diesen ist längst nicht selbstverständlich. Gerade Kinder aus sozial benachteiligten Familien erhalten dadurch oft nicht die Therapiemaßnahmen, die für eine positive Entwicklung notwendig sind.

Kinder haben das Recht, gesund aufzuwachsen. SOS-Kinderdorf fordert darum den Ausbau kassenfinanzierter medizinischer und therapeutischer Angebote in der Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psycho-, Ergo- und Physiotherapie sowie Logopädie.

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