Ein Systemsprenger – 6. Juni 2018

"Ich will Vater sein"

Martin Baumann vom Team der mobilen Familienarbeit von SOS-Kinderdorf nimmt uns ein Stück mit auf seinen Arbeitsweg.

Machmal reicht ein kleiner Schicksalschlag, um das fragile Gefüge einer Familie zum Wanken oder Einsturz zu bringen, sei es durch Arbeitslosigkeit, Krankheit, Sucht oder Todesfall aus. SOS-Kinderdorf unterstützt diese Eltern und ihre Familien dabei, für ihre Kinder wieder da sein zu können.  

In vielen Bundesländern bieten wir zum Beispiel die mobile Familienarbeit an, das heißt, die Familien werden vor Ort in ihren persönlichen Lebensräumen begleitet und unterstützt. Martin Baumann von der mobilen Familienarbeit nimmt uns heute ein Stück mit auf seinen Arbeitsweg.

 

 

Ich bin auf dem Weg zu Herrn A. (Name geändert), der heute mit mir über Erziehung sprechen möchte. Als ich um die Ecke in die Winkelgasse biege fällt mir ein, dass diese Situation vor einem Jahr noch unvorstellbar gewesen wäre. Da hatten die Fachkräfte Sorgenfalten wenn sie den Fall der Familie A. auf dem Tisch hatten: Eine Familie mit vielen Kindern und mit vielen Problemen.  

Vor einigen Jahren mussten die Kinder der Familie fremd untergebracht werden, da beide Eltern in Haft waren. Es folgte eine Zeit, in der die Kinder in verschiedenen Wohngruppen und bei Pflegepersonen unterkommen mussten. Nach zwei sehr turbulenten Versuchen war klar, der dreizehnjährige Sohn von Familie A ist nicht in ein "WG-System" integrierbar.

Schon während seiner Zeit in den Wohngruppen ist er immer wieder bei seiner Mutter zuhause, die aber durch ihren Entzug ganz auf sich konzentriert war. Es war kein Platz den man sich als Zuhause für ein Kind wünschte. Trotzdem zeichneten sich in dieser schwierigen Situation zwei wichtige Dinge ab: Erstens, dass der Jugendliche unbedingt in die Schule gehen wollte und das auch jeden Tag tat; Zweitens, dass er wieder Beziehung zuließ. Beziehung zu den Sozialarbeiterinnen. Wenn sie ihn anrufen hebt er ab, er kommt zu Terminen, redet, teilt sich mit. Die beiden Mitarbeiterinnen bleiben dran. Sie stellen weiterhin Betreuung und vor allem Beziehung zur Verfügung. Täglich.

Etwa ein Jahr später geht es um den jüngeren Sohn der Familie A. Er ist elf Jahre alt, war eine Zeit lang in Kärnten untergebracht und danach in Graz. Doch in Graz kam es zu so einer heftigen Eskalation, dass die Einrichtung zum Schutz der anderen Jugendlichen einen weiteren Verbleib nicht mehr verantworten konnte. Erneut steht das Jugendamt vor der Suche nach Ressourcen in der Familie. Und wird überraschend bald fündig.

 

 

Zwischen Haft und Herz - auf einmal war der Vater da

Der vorher als gefährdend und nicht hilfreich erlebte Vater, Herr A., war durchaus ernsthaft interessiert sich einzubringen. In der Haft hat er sich sehr positiv weiterentwickelt, eine Therapie gemacht. Die Schwierigkeit war allerdings, dass sein Haus, das er bewohnte, durch Müll und fehlende Installationen für die Kinder als gefährdend eingestuft wurde. So stellte SOS-Kinderdorf eine Wohnung zur Verfügung. Zuneigung, Versorgung und "einfach da sein für seinen Sohn", das war die Aufgabe an Herrn A, die pädagogische Arbeit, Kontakt zur Schule, Kontakt zum Gesundheitssystem blieb bei SOS-Kinderdorf. Und das Ergebnis überraschte alle positiv. Und auch für den älteren Sohn bahnt sich in der Zwischenzeit eine Beziehung zum Vater an. Gemeinsam mit dem Jugendamt konnte ein weiteres Zimmer in der Wohnung des Vaters zur Verfügung gestellt werden, wo er heute mit diesen zwei Söhnen lebt. Ganz alleine geht es noch nicht! Wir unterstützen auf verschiedene Arten, aber im Grunde ist Herr A. für seine Söhne da.  Als Vater, ganz aktiv und verlässlich. Liebevoll.

Von Anfang an war Herr A. daran interessiert zu lernen, es gut zu machen, es wieder gut zu machen. Er wollte ein guter Vater sein. Er verlangte Beratung und Coaching.

Und deshalb bin ich nun hier, im grauen Innenhof und gehe nun gleich rauf in den zweiten Stock.


Vatertag ist JEDERtag

Susanne Maurer-Aldrian, Geschäftsleiterin SOS-Kinderdorf
 

 

Muttertag=Vatertag ist JEDERtag. Und an jedem Tag hat man die Möglichkeit, sich zu ändern. Dazu möchte ich ermutigen! Es ist sehr hart für Eltern, wenn sie bemerken müssen, dass sie sich nicht ausreichend um ihre Kinder kümmern können. Die meisten Mütter und Väter unterstützen die Wohngemeinschaften oder SOS-Kinderdorffamilien. Und das ist sehr wichtig für die Kinder. Es ist notwendig, dass sie sehen, die Eltern stehen dazu, gemeinsam mit den BetreuerInnen sind sie für mich da. Auch wenn ich mich an keine Regeln dieser Welt halte und sogar gegen das Gesetz verstoße, die Eltern und BetreuerInnen geben mich nicht auf!

Und ja: wir geben die Eltern auch nicht auf.“

 

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