Kommentar – 6. Februar 2018

Gewaltschutz im Netz: Wo bleiben die Updates?

Die Regierung hat Digitalisierung als wichtiges Thema erkannt. Doch wie schützen wir Kinder und Jugendliche vor Gewalt in der digitalisierten Welt? Da sind die Vorschläge zum Teil vage, zum Teil aus der Mottenkiste.

Katrin Grabner, 31, ist Juristin und Expertin für Kinderrechte und Digitalisierung bei Rat auf Draht und SOS-Kinderdorf

Die Überschrift klingt beeindruckend: Mit einer "Digitalisierungsoffensive Bildung" will Schwarz-Blau Medienkompetenzen von Schülern fördern und das Programmieren ab der ersten Schulstufe einführen. So steht es jedenfalls im Regierungsprogramm. Und das ist sehr begrüßenswert. Wie diese Offensive allerdings konkret umgesetzt werden soll, bleibt offen. Für Kinder und Jugendliche gehört die Nutzung von digitalen Medien längst zum Alltag, on- und offline verschmelzen zusehends. Damit junge Menschen zu kritischen Usern heranwachsen, die Informationen einschätzen und Gefahren erkennen können, braucht es mehr als das Verständnis, wie Hard- und Software funktioniert. Es braucht eine breit verstandene Medienerziehung und die Bereitschaft von Erwachsenen, sich mit der Lebenswelt der Generation Smartphone ernsthaft auseinanderzusetzen. Der Safer Internet Day, der am 6.2. weltweit mit zahlreichen Aktionen begangen wird, ist ein guter Anlass, sich die Situation in Österreich genauer anzuschauen.
 

Mehr Prävention notwendig

Die Zahl der Kinder und Jugendlichen, die sich mit Fragen zu digitalen Medien an die Helpline Rat auf Draht wenden, steigt dramatisch. Cyber-Mobbing, Internet-Abzocke oder Computersucht – viele der jungen Anruferinnen und Anrufer sind verzweifelt und haben niemanden in ihrem direkten Umfeld, an den sie sich in ihrer Notlage wenden können. Hier braucht es dringend mehr Information und Prävention. Zum Beispiel an Schulen. Längst überfällig sind verpflichtende und umfassende Gewaltschutzkonzepte für Bildungseinrichtungen, mit klaren Leitlinien zum Umgang mit Cyber-Mobbing. In Ländern wie Deutschland oder Luxemburg gehören sie zum Standard.
 

Filterprogramme sind kein Allheilmittel

In Österreich setzt man beim Thema Gewaltschutz vor allem auf technische Hilfsmittel. Filterprogramme sollen promotet und leicht zugänglich gemacht werden. Das wirkt ein wenig hilflos – und antiquiert. Denn Filter schützen weit weniger vor ungeeigneten Inhalten als es sich viele Eltern und Pädagogen wünschen: Ob auf dem Schulhof oder bei der Oma, irgendwo findet sich immer ein Gerät, das ungefilterten Zugang zum Netz gewährt. Viele Jugendliche haben sich außerdem selbst beigebracht, wie man Filterprogramme umgeht. Und noch etwas sollte man bedenken, bevor man den Nachwuchs mit einem filtertechnisch aufgerüsteten Gerät sich selbst überlässt: Verletzende Inhalte kommen meist aus dem direkten Umfeld – kein Programm der Welt kann vor Mobbing über soziale Netzwerke schützen.
 

In Kontakt bleiben

Viel wichtiger als sich auf technische Helfer zu verlassen ist es, in Kontakt mit den Kindern und Jugendlichen zu bleiben, Gefahren zu thematisieren und Online-Erfahrungen zum selbstverständlichen Thema in der Schule und am Familientisch zu machen. Je offener man darüber spricht, desto höher ist die Chance, dass sich Kinder bei Problemen an Eltern oder andere Bezugspersonen wenden. Ist das Internet hingegen in erster Linie mit Verboten belegt, bleiben junge Menschen oft aus Scham mit ihren negativen Erlebnissen allein. Das betrifft besonders das Thema Sexualität.
 

Opfer holen sehr spät Hilfe

Rat auf Draht berät regelmäßig Kinder und Jugendliche, die Opfer von sogenanntem Cyber-Grooming geworden sind. Hinter diesem etwas sperrigen Begriff verbirgt sich ein Phänomen, das in der Öffentlichkeit bisher wenig thematisiert wurde: Erwachsene bahnen übers Netz Sexualkontakte mit Kindern an. Die Täter (zumeist männlich) gehen dabei sehr geschickt vor: Sie geben sich oft als jugendlich aus, schreiben Minderjährige über soziale Medien oder Online-Spiele an und investieren viel Zeit, um das Vertrauen ihrer Opfer zu gewinnen. Ziel ist, die Kinder zu einem Treffen zu überreden oder kinderpornographische Aufnahmen zu erhalten. Betroffene schweigen oft aus Angst oder Scham, suchen erst spät Hilfe – und stoßen dabei nicht immer auf Verständnis. Selbst dann nicht, wenn strafrechtliche Grenzen überschritten wurden. Rein rechtlich ist die Sache eindeutig: Wer Kinder unter 14 Jahren dazu auffordert, pornographische Fotos von sich selbst zu schicken, sich vor der Webcam auszuziehen oder wer sie mit der Absicht des sexuellen Missbrauchs zu einem persönlichen Treffen zu überreden versucht, dem drohen bis zwei Jahre Haft. Die Folgen von sexualisierter Gewalt über soziale Medien sind für die Betroffenen ebenso real wie jene von physischer Gewalt. Sie reichen von sozialer Ausgrenzung bis hin zu Depressionen, selbstverletzendem Verhalten und Suizid.
 

Überforderte Polizei

Die Exekutive ist bemüht, Eltern und Kinder über die Gefahren im Netz informieren. Polizistinnen und Polizisten scheinen aber überfordert, sobald sie in einem konkreten Fall einschreiten sollen – gerade wenn es um Cyber-Grooming geht. Viele Beamte kennen die entsprechenden Strafgesetze nicht oder scheitern an der technischen Spurenauswertung. Hinzu kommt, dass den Betroffenen Vorwürfe gemacht werden: Nicht selten heißt es, das Kind sei selbst schuld und dumm, wenn es auf so etwas reinfalle. Die Folgen dieser Täter-Opfer-Umkehr sind fatal. Es lässt verzweifelte Opfer und deren Eltern hilflos zurück – während die Täter unbehelligt bleiben. Die Regierung hat angekündigt, die Auswirkungen für Gewaltopfer im Strafrecht künftiger stärker zu berücksichtigen. Als ersten Schritt sollte sie dafür sorgen, dass bestehende Gesetze auch umgesetzt werden – offline wie online. Es braucht hier dringend mehr Sensibilisierung und eine bessere Ausbildung von Polizistinnen und Polizisten rund um (neue) Deliktformen im Bereich Gewalt im Netz. Denn die strengsten Strafgesetze nützen Opfern nichts, wenn diese nicht umgesetzt werden – und halten jene nicht vor strafbarem Verhalten ab, die keine Konsequenzen befürchten müssen. Auch mit der Frage, welche Verantwortung soziale Medien tragen, wenn es um die Bearbeitung von Meldungen und der Löschung illegaler Inhalte geht, muss sich die Regierung dringend beschäftigen. Im Koalitionspapier finden sich zur dieser Thematik keine Anhaltspunkte. Hier ist Mut gefordert, Snapchat, Facebook und Co in die Pflicht zu nehmen. Zum Schutz von Kindern und Jugendlichen.

Rat auf Draht

Rat auf Draht ist seit 30 Jahren die wichtigste Hotline des Landes für Kinder und Jugendliche in Not. Unter 147 stehen rund um die Uhr Expertinnen und Experten Hilfe suchenden Kindern und Jugendlichen per Telefon zur Verfügung. Auch Online- und Chat Beratung bietet Rat auf Draht an. Die Notrufnummer ist seit vier Jahren Teil von SOS-Kinderdorf und wird großteils über Spenden finanziert.
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