Weltfrauen*tag 2022 – 08.03.22

Mit alten Rollenbildern brechen

In Zugdidi, Georgien, arbeitet ein Familienstärkungsprojekt von SOS-Kinderdorf für Gleichberechtigung und gegen geschlechtsspezifische Gewalt in Familien. Projektkoordinatorin Tamar Meskhia berichtet über ihre Motivation an dieser wichtigen Arbeit.

Tamar Meskhia ist Juristin und diplomierte Sozialarbeiterin in Zugdidi, Georgien. Im Rahmen der Familienstärkungsprogramme von SOS-Kinderdorf koordiniert sie das Projekt Capacity Building zur Förderung der Gleichberechtigung der Geschlechter und gegen das Auseinanderbrechen von Familien. Seit 2008 arbeitet sie mit gefährdeten Familien und Frauen aus der Region.

Was motiviert dich an deiner Arbeit?

Was mich am meisten motiviert, sind die konkreten Ergebnisse meiner Arbeit mit gefährdeten Familien und Frauen. Wenn meine Bemühungen zu einer positiven Veränderung im Leben einer Familie geführt haben, ist das die größte Quelle der Inspiration für mich. Das motiviert mich, weiter zu arbeiten und möglichst viele Frauen und Familien zu erreichen. Außerdem kann ich als Frau, die in Zugdidi lebt, die Herausforderungen und Bedürfnisse der Frauen in meiner Region sehr gut nachvollziehen.

Warum ist das Projekt notwendig?

Das Projekt trägt zu einer größeren Akzeptanz der Gleichberechtigung der Geschlechter in der Gesellschaft bei. Dadurch wird auch häuslicher, geschlechtsspezifischer Gewalt vorgebeugt und entgegengewirkt. In einer Region, in der Geschlechterstereotype kulturell sehr stark verankert sind, ist es ein wichtiger Teil unserer Arbeit, Aufmerksamkeit auf Themen wie Frauenrechte und geschlechtsspezifische Gewalt zu lenken.

Tamar Meskhia arbeitet auch direkt mit Kindern aus der Region: Hier beim gemeinsamen Zeichnen. 

 

Neben der Arbeit an diesen strukturellen Bedingungen, bietet das Projekt auch Unterstützung für einzelne Frauen, die von geschlechtsspezifischer Diskriminierung oder häuslicher Gewalt bedroht sind. In solchen Fällen brauchen die Frauen oft Unterstützung, um die Diskriminierung oder den Missbrauch überhaupt als solchen zu erkennen. Wir helfen dabei zu verstehen, dass ihre Situation nicht in Ordnung ist und sie etwas tun können, um ihr Leben zu ändern.

In diesem Prozess unterstützen wir mit konsequenter psychosozialer und wirtschaftliche Stärkung, damit die betroffenen Frauen den Kreislauf der Gewalt durchbrechen können. Darüber hinaus arbeitet das Projekt auch mit dem ganzen Familiensystem, um eine bessere Verteilung der Betreuungs- und Hausarbeit zu fördern.

Gibt es ein besonderes Erfolgserlebnis deiner Arbeit, dass du teilen möchtest?

Ich erinnere mich an einen Fall, bei dem eine Frau mit blauen Flecken in unser Büro kam. Sie war sehr aufgeregt. Sie erzählte uns, dass ihr Mann sie missbraucht hatte. Parallel zur Anzeige bei der Polizei wurde die Frau an eine Notunterkunft für Überlebende von Misshandlungen verwiesen. Nachdem ihr Mann festgenommen worden war, kehrte die Frau in ihr Haus zurück. Sie benötigte eine umfassende psychosoziale Unterstützung, die ihr im Rahmen des Projekts zuteil wurde. Es wurde viel daran gearbeitet, ihre Beziehung zu ihren Kindern zu verbessern, die ebenfalls unter dem Missbrauch in der Familie gelitten hatten. Das soziale Netz der Frau wurde durch die Unterstützung des Projekts erweitert, und sie konnte einen Beruf erlernen, von zu Hause aus arbeiten und ein Einkommen erzielen, um ihre Familie zu unterstützen.

Warum empfindest du die Arbeit mit und für Frauen besonders wertvoll?

In unserer Region ist die Meinung weit verbreitet, dass die Hauptaufgabe der Frau darin besteht, für ihre Kinder und ihre Familie zu sorgen. Männer gelten immer noch als Familienoberhaupt und Ernährer der Familie. Diese Vorstellungen machen es für Frauen sehr schwierig, eine andere Rolle als die der Versorgerin einzunehmen. Selbst in Fällen, in denen Frauen arbeiten können, ist ihre berufliche Auswahl meist auf wenige Bereiche beschränkt.

Berufliche Entwicklung ist eine der wichtigsten Möglichkeiten für Frauen, Gleichberechtigung und Unabhängigkeit zu erreichen. Das gilt insbesondere für finanzielle Unabhängigkeit, die so wichtig ist, um im Leben Entscheidungen treffen zu können -  einschließlich der Entscheidung, nicht in einer missbräuchlichen Umgebung zu leben.

Dieses Familienstärkungsprojekt wird von SOS-Kinderdorf Georgien mit der Unterstützung von SOS-Kinderdorf Österreich und der Austrian Development Agency aus Mitteln der Österreichischen Entwicklungszusammenarbeit durchgeführt.

Weitere Artikel

Weitere Artikel