Genitalverstümmelung – 6. Februar 2018

"Ohne Schmerz keine Heirat!"

Weibliche Genitalverstümmelung

Soraya, ihre Mutter und ihre Großmutter haben die weibliche Beschneidung über sich ergehen lassen, um eine Tradition zu wahren, die weltweit 125 Millionen Mädchen und Frauen lebenslange Schmerzen verursacht.

"Jetzt bist du eine Frau, freu dich!"

Mit diesen Worten wurde Soraya in die fröhliche Runde ihrer Mutter, Großmutter und Schwestern zurückgebracht, die sie umringten und gratulierten. Sie nickte nur und unterdrückte ihren Schmerz. Tränen wären nicht angebracht an diesem wichtigen Tag und niemand wollte den Stolz der Großmutter verletzen.

Tage später fiel Soraya während dem Wäschewaschen in Ohnmacht. Ihr ganzer Unterleib war eitrig, die Blutvergiftung konnte nicht mehr gestoppt werden. Soraya starb mit neun Jahren durch eine Tradition, die offiziell verboten ist, aber immer noch praktiziert wird: Weibliche Genitalverstümmelung.
 

"Ohne Beschneidung wird aus der Klitoris ein Penis"

Die Motive für diesen lebensbedrohlichen Eingriff sind vielfältig: Die Klitoris wachse zu einem Penis heran, wenn sie nicht entfernt würde, eine Beschneidung erhalte die Jungfräulichkeit oder hemme die sexuelle Lust und sei damit Garant für Treue. Mädchen, die sich weigern, sind nicht heiratsfähig und werden geächtet – mit ihnen die ganze Familie. Ein Grund, warum Mütter und Großmütter die Tradition der Beschneidung fortführen, ungeachtet der Qualen für die Mädchen.


 

Lebenslange Beeinträchtigungen

"Die Prozedur ist nicht nur extrem schmerzhaft, sondern verursacht auch starke Blutungen und führt meist zu schweren Infektionen", sagt Professor Guyo Jaldesa, Gynäkologe und Geburtshelfer in Kenia.


"Selbst nach dem Abheilen der Schnittwunden bleiben häufig Komplikationen. Diese reichen von Problemen beim Wasserlassen, Zysten sowie Schmerzen beim Geschlechtsverkehr bis hin zu Problemen bei der Geburt."

Professor Guyo Jaldesa, Gynäkologe
 

Bewusstsein schaffen für die Rechte der Frau

Am qualvollen Tod ihrer Tochter ist Sorayas Mutter zerbrochen. Das hat auch der Großmutter die Augen geöffnet. Doch was tun? Sie erfuhr bei einer Nachbarin vom Engagment und der Aufklärungskampagne von SOS-Kinderdorf. Beschneidung ist eine Menschenrechtsverletzung! Egal in welcher Ausprägung sie praktiziert wird: Mädchen haben das Recht auf Unversehrtheit und Gesundheit und Frauen haben das Recht auf Selbstbestimmung und ja – auch das Recht auf einen schmerzfreien Umgang mit ihrer Sexualität.
 
Genitalverstümmelung verstößt gegen Menschenrecht. Sie missachtet das Recht der Person auf Gesundheit, Sicherheit und körperlicher Unversehrtheit sowie das Recht gegen Folter und Gewalt und unmenschlicher und unwürdiger Behandlung.

Aufklären und Alternativen finden

Durch den Tod ihrer Enkeltocher Soraya wurde aus Großmutter Mary eine Kämpferin. Sie verteufelt aber nicht pauschal, sie arbeitet mit den Gemeindevorstehern an Alternativen für einen rituellen und sanften Übergangen vom Mädchen zur Frau, ohne Blut und ohne Schmerzen. Auch die Frauen, welche die Beschneidungen vornehmen, gehören eingebunden und für sie neue Einnahmequellen erschlossen werden.
 


"Es braucht stark, aufgeklärte Frauen, die sich selbstbewusst gegen die Verstümmelung wehren, Frauen, die zusammenhalten und auch ihre Männer, Väter und Großväter in den Kampf einbeziehen und zu Verbündeten machen!"

Mary
 

Männer aufklären ist ein wichtiger Baustein

Auch bei den Männern und Vätern findet langsam ein Umdenken statt. "Viele Männer in Kenia verlangen, dass ihre zukünftige Ehefrau beschnitten sein muss, weil sie es nicht anders kennen und wissen", erklärt Christopher Oloishuroh Murray. Der 47jährige Lehrer engagiert sich seit vielen Jahren gegen die Beschneidung.
 


„Wenn man die Väter aufklärt, sind die meisten für eine Abschaffung.“

Christopher Oloishuroh Murray
"Der moderne, aufgeklärte Kenianer möchte in der Regel nicht, dass seine Töchter beschnitten werden. In den ländlichen Gemeinden bestehen leider viele Männer weiter auf einer Beschneidung."

 

Unterstützung durch SOS-Kinderdorf

SOS-Kinderdorf setzt sich seit vielen Jahren für die Gleichberechtigung von Mädchen und Frauen ein und damit auch gegen die Tradition der Beschneidung. SOS-Kinderdorf unterstützt den Kampf von Frauen wie Großmutter Mary mit Aufklärungskampagnen unter anderem in Kenia, Gambia, Guinea und im Sudan.

Darüber hinaus bietet SOS-Kinderdorf betroffenen Mädchen und Frauen medizinische Hilfe an, stärkt und bildet Frauen aus und kämpft gegen die gesellschaftliche Ächtung. In Kenia und Gambia werden neben Aufklärungskampagnen gemeinsam mit anderen NGOs und den Gemeinden alternative Rituale gefördert. Nachkommenden Generationen sollen die Schmerzen und die Trauer, wie sie Soryas Familie erlebte, erspart bleiben. 

Betroffene Mädchen in Österreich

In Österreich leben in den betreuten Jugendwohngruppen für unbegleitet minderjährige Flüchtlinge ebenfalls Mädchen aus praktizierenden FGM-Ländern. So auch im Clearing-house in Salzburg. Ob und wie viele Mädchen eine Beschneidung über sich ergehen lassen mussten, ist unklar, da aus vielerlei Gründen die Mädchen nicht darüber sprechen. Stellen sich während der Betreuung psychische oder körperliche Belastung aufgrund von FGM heraus oder wird es von den Mädchen thematisiert, werden sie von ihrer Bezugssperson hochsensibel betreut. Eine psychologische und medizinische Begleitung ist möglich bzw. vorgesehen.


 

Weiterführende Links

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