Frauen*tag 2021 – 08.03.21

Stimmen aus dem Kinderdorf

Zum heutigen Frauen*tag wollen ein paar Menschen aus dem SOS-Kinderdorf ihre Gedanken mit uns teilen.

Kampf gegen Vorurteile

Die jugendlichen Mädels Janine, Franzi, Alexa, Xenia aus dem SOS-Kinderdorf haben sich Gedanken zum Frauentag gemacht:

"Als Mädchen ist man total vielen Vorurteilen und Klischees ausgesetzt. Ein Mädchen hat zu wenig Kraft, um Bauarbeiter zu werden."

"Eine Frau ist nicht dominant genug, um in eine Führungsposition zu sein; Ein Mädchen kann nicht so gut Auto fahren, deswegen kann sie kein Mechaniker werden … Als Mädchen muss man sich gegen all diese Sprüche wehren und sich in einigen männerdominierten Branchen beweisen, um erfolgreich zu sein.“

"Eine männerdominierte Gesellschaft hat einfach keine Ahnung von Frauen an sich, z.B hat die NASA einem Team von zwei Frauen bei einem Einsatz von der Dauer von EINER Woche 100 Tampons gegeben und fragten noch, ob dies wohl genug sei? Außerdem gab es lange keine Raumfahrt Anzüge in Größe S und XS - deswegen wurden sogar Fahrten ins All gestrichen. Die Allgemeinbildung in den Schulen sollte hier etwas frauenfreundlicher ausfallen."

"Dass Männer oder Jungs uns vorschreiben wollen wie unser Körper aussehen sollen oder wie wir uns zu kleiden haben, darf nicht sein.“

„Ich finde JEDER soll den Beruf erlernen können, der ihm Spaß macht und interessiert. Egal ob Mädchen oder Junge.

„Tampons sind zu überteuert. Wir können nix dafür, dass wir Mädels sind.“

 

 

"Prinzessinnenturm war gestern. Mädchen können auch selbst losreiten"

Interview Julie Melzer, SOS-Kinderdorfleiterin

 

Julie Melzer, was brauchen unser jungen Mädels, damit aus ihnen starke Frauen werden?

Sie brauchen jemanden, der ihnen etwas zutraut, zumutet. Im Prinzessinnenturm warten, bis der Prinz kommt, und Wünsche erfüllt, das war gestern. Mädchen können auch selbst losreiten, um zu erreichen, was sie wollen. Das ist mitunter anstrengender als nur zu warten, zu hoffen, bis jemand kommt, und die Dinge regelt. Wenn wir Mädchen begleiten, dann ist es also wichtig, u.a. an ihr Durchhaltevermögen zu appellieren, ihnen klarzumachen, dass Scheitern oft nicht das Ende, sondern ein Anfang ist.

 

Wild, frech, wunderbar

Im Kleinen sehe ich immer wieder, wie mutig, unerschrocken und engagiert unsere junge Frauengeneration ist. Zum Beispiel die Mädchen, die wir betreuen – die stellen sich auf die Bühne und singen vor hunderten Leuten, wie zum Beispiel in der Grazer Oper. Oder sie geben ein Interview oder kommen zu mir und beschweren sich, wenn sie sich ungerecht behandelt fühlen. Das find ich gut!

Das ist das eine. Was mir bei der Arbeit noch auffällt sind junge Frauen als Führungskräfte. Meine jüngste ist vor ein paar Wochen 25 geworden. In diesem Alter hatte ich gerade meinen ersten Job und sie füllt diese verantwortliche Tätigkeit bereits mit unglaublicher Souveränität aus. Ob wild wie Pippi, mutig wie Greta, stark wie Malala - mich beeindruckt es sehr, wie junge Frauen heute mitreden und die Welt von morgen mitgestalten.

 

Corona und Frauen

Es war für Frauen und Männer ein herausforderndes Jahr. Klar aber ist auch, dass die Mehrleistung und Mehrbelastung in systemerhaltenden Berufen vor allem Frauen betroffen hat. Die Mehrheit der Arbeitskräfte im Sozial- und Gesundheitsbereich, Bildung, Handel etc. ist nun einmal weiblich. Dazu kommt, darauf deuten zumindest einige Studien hin, dass der Löwenanteil an Kinderbetreuung und Homeschooling auch durch Frauen geleistet wurde. Das heißt, hier hat sich ein ohnehin schon bestehendes Ungleichgewicht verstärkt. Aus meiner Sicht eine dringende Aufforderung an Politik und Gesellschaft gegenzusteuern, z.B. durch den Ausbau von Betreuungseinrichtungen für Kleinkinder mit Öffnungszeiten, die Erwerbstätigen entgegenkommen oder den Ausbau der Ganztageschulen. Manchmal würde vielleicht auch nur ein Arbeitgeber reichen, der nicht die Augen überdreht, wenn ein Mann um Pflegefreistellung ansucht und süffisant fragt, ob das nicht seine Frau machen kann.

 

 

"Wir dürfen nach Tagen wie Frauentag und Co, die Lautstärke nicht einfach wieder runterdrehen."

Interview Heidi Fuchs, SOS-Kinderdorf Geschäftsleiterin:

 

Heidi Fuchs, einzige weibliche Geschäftsleiterin bei SOS-Kinderdorf in Österreich, welche Bedeutung hat für Sie persönlich der Int. Frauentag?

Der Tag ist wichtig. Es geht um das Würdigen und gemeinsame Feiern des bereits erreichten und um das aufmerksam machen auf das, was alles noch zu tun ist.  Außerdem um ehrliche Solidarität und Vernetzen aller Kräfte. Frauen können das und sollten noch viel mehr auf das setzen.

 

Sind Sie für Frauenquoten? Wenn ja, in welchen Bereichen?

Ja, so lange bis es keine Quote mehr braucht. In der Quote sehe ich die Chance, nicht nur für Frauen, sondern für uns als Gesellschaft, endlich neue Standards in der Arbeitswelt einzuführen. Solche, die längst notwendig sind für eine Veränderung. Vielfalt und Diversität steht mittlerweile in den meisten Unternehmensbroschüren – wer das wirklich leben will, muss doch wenigstens bei einer Minimalversion in Sachen Geschlechter anfangen.

 

Stehen Frauen Ihrer Meinung nach unter mehr Druck als Männer, durch die Corona-Krise noch verstärkt?

Allein die Selbstverständlichkeit mit der davon ausgegangen wurde, dass wir jetzt alle daheim das Homeschooling, den Haushalt, die Koordination, die emotionalen Hochs-und Tiefs der Familie und unsere Arbeit unter einen Hut bringen ist und war schon außergewöhnlich. Und da spreche ich noch nicht von den vielen Frauen, die in systemerhaltenden Berufen tätig sind und jetzt seit mittlerweile einem Jahr in diesem Spannungsfeld leben.

Generell zeigt die Pandemie einen Fehler im System, der zwar u.a. auch an Weltfrauentagen oder Equal pay days in den Fokus rückt, jedoch dann sehr flott wieder im Alltag des Selbstverständlichen untergeht. Da braucht es noch einiges! Wir dürfen nach solchen Tagen wie Frauentag und Co, die Lautstärke nicht einfach wieder runterdrehen.

 

Wie hat das Kinderdorf die vergangenen Monate gemeistert?

Mein Team hat im letzten Jahr Außergewöhnliches geleistet. Und dafür gebührt jeder und jedem Einzelnen ganz großer Respekt und ein ganzes Blumenmeer!!!

Neben den vielen Unsicherheiten, die jede und jeden von uns persönlich in einer solchen Zeit beschäftigen, begleiten unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter jeden Tag viele Kinder, Jugendlichen und Familien in ihrer Ausnahmesituation.

Der Fokus einer ganzen Gesellschaft der letzten Monate war leider zu wenig auf die Bedürfnisse von Kinder, Jugendliche und Familien gerichtet. Eine ganze Generation, die von Anfang an wesentlich Betroffene der Maßnahmen waren, haben diese mitgetragen und damit einen so wichtigen Beitrag für unsere Gesellschaft geleistet.

 

Was wünschen sie den jungen Frauen und Mädchen zum Frauentag?

Ich wünsche ihnen die Kraft, die Energie, den Mut sich selbst ernst zu nehmen, laut und sichtbar zu sein.

Und ich wünsche unseren jungen Frauen eine klimafreundliche, gesunde Umwelt. Unsere Studie von SOS Kinderdorf belegt leider, dass 85 % aller Kinder und Jugendlichen Angst um unseren Planeten haben! Ich wünsche uns allen, dass wir kollektiv die Ärmel hochkrempeln und nicht ermüden.

 

Wir boxen uns durchs Leben!

Im Mädchenwohnen Graz steht Boxen gerade hoch im Kurs, hier ein paar Stimmen dazu: 

„Nach dem Boxen fühl ich mich im Kopf viel freier.“

„Beim Boxen lern ich, mich später mal durchs Leben zu boxen. Einfach nicht aufgeben. Standhalten.“

„Beim Boxen kann ich voll gut meine Aggressionen abbauen.“

Emilie & Larissa, 15 Jahre, Mädchen Wohngemeinschaft Graz

 

Johannes Schantl, Sozialpädagoge SOS Kinderdorf:

"Das Boxen hilft den jungen Mädels, schlagfertig durchs Leben zu gehen, im wahrsten Sinne des Wortes. Sie können alles rauslassen, ihre Wut, ihren Ärger. Das Training kanalisiert so einiges. Und natürlich ist das Boxen gut für die Koordination, fördert das Selbstbewusstsein und die Selbstständigkeit. Infolge finden die Mädels hier auch mentale und körperliche Fitness, die sie für ihren Ausbildungsweg brauchen, für ihren ganzen Lebensweg. Nach dem Boxen sind sie immer richtig gut drauf, voller Energie."

   

 

 

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