Jugend unter Druck – 04.12.20

Viele junge Menschen fühlen sich um unbeschwerte Jugend betrogen

Bei unseren KollegInnen von Rat auf Draht gibt es gerade viele Beratungen zum Thema Angst. Corona belastet junge Menschen stark.

Die Lockerungen der Corona-Maßnahmen bringen für viele Menschen in Österreich eine leichte Entlastung. Das ist gut und wichtig, gleichzeitig muss uns klar sein: Die Krise wirkt sich nach wie vor sehr stark auf das psychische Wohlbefinden aus – und das ganz besonders bei jungen Menschen. "Jugendliche hadern ja naturgemäß mit ihrer Umwelt und der eigenen Existenz. Derzeit sind ihre Bewegungsmöglichkeiten samt Perspektive stark eingeschränkt. Neugierde und Experimente haben wenig Platz. Ich höre oft von Jugendlichen, dass Corona ihnen ihre unbeschwerte Jugend stiehlt - dies sollten wir ernst nehmen", sagt Dr. Christoph Schneidergruber, fachlicher Leiter des Ambulatoriums für Kinder-und Jugendpsychiatrie Hermann-Gmeiner-Zentrum von SOS-Kinderdorf in Kärnten.

Angst großes Thema bei Rat auf Draht

Statt der für die persönliche Entwicklung so wichtigen Treffen mit Gleichaltrigen, halten sich viele junge Menschen gerade sehr strikt an die vorgeschriebenen Schutzmaßnahmen und kämpfen gleichzeitig mit Angstzuständen, depressiven Verstimmungen und Überforderung. "Die Anfragen, die uns täglich zu diesen Themenbereichen erreichen, sind stark gestiegen", erklärt auch unsere Kollegin Birgit Satke, Leiterin des Kinder- und Jugendnotrufs Rat auf Draht.

So hat sich die Zahl der AnruferInnen, die sich aufgrund von Angstzuständen bei Rat auf Draht melden im Vergleich zum Vorjahr verdreifacht. Dabei geht es zum einen generell um Zukunftsängste und um die Angst, dass ein naher Angehöriger sterben könnte. Zum anderen ist aber auch die Angst vor dem Wiedereinstieg in die Schule großes Thema. Distance Learning hat viele Jugendliche überfordert, viele fürchten, die nächsten Prüfungen nicht zu schaffen.

Geduld haben und Zeit nehmen

Alarmierend hoch auch die Zahl der AnruferInnen, die unter psychischer Gewalt in der Familie leiden. Zu diesem Themenbereich hat sich die Anzahl der Beratungen im Vergleich zum Vorjahr verdoppelt.

"Ich glaube wir Erwachsene und Eltern sollten jetzt viel Geduld mit jungen Menschen haben und großes Augenmerk darauf legen, möglichst viel Zeit für sie zu haben. Mit ihnen reden, tanzen, kochen, kuscheln, viel in der Natur unternehmen, um möglichst ihren Grundbedürfnissen zu entsprechen", sagt Christoph Schneidergruber. "Mir fällt auf, dass sich fast alle Kinder und Jugendliche sehr bemühen, alle Vorschriften wie Maskentragen, soziale Distanz, einzuhalten. Uns Erwachsene begeistert dies vielleicht, wie brav alle mitmachen, aber uns muss klar sein, dass wichtige Grundbedürfnisse wie der Kontakt zu Freunden, Körperlichkeit, Anerkennung, Gefühle, Aggressionen, sexuelle Entwicklung, usw. unterdrückt werden müssen und dies über einen sehr langen Zeitraum hindurch. Dies hat natürlich Folgen und die Verschiebung in die digitale Kommunikation ist kein adäquater Ersatz."

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