Lockdown – 11.05.21

Blitzlichter aus der Beratung von Rat auf Draht

Vor über einem Jahr kam es zum ersten Lockdown in Österreich. Die Anrufzahlen bei Rat auf Draht schnellten in die Höhe. Wir haben uns die anonymisierten Protokolle angeschaut.

Der Lockdown im Frühjahr 2020 traf alle sehr unerwartet. Im Vordergrund der medialen Berichterstattung standen die Wirtschaft, das Gesundheitswesen und Freizeitrestriktionen. Kaum ein Artikel fragte, wie es Kindern und Jugendlichen geht, oder welche Folgen und Spuren eine solche Krise bei ihnen hinterlässt. Auch im Laufe des Jahres kam die Perspektive der jungen Menschen kaum zur Diskussion – außer wenn es um Homeschooling ging. Doch Kinder und Jugendliche sind mehr als nur Schüler*innen.

Durch die Herausforderungen der Pandemie gab es bei der Notrufnummer Rat auf Draht, die von SOS-Kinderdorf betrieben wird, einen immensen Anstieg an Anrufen – besonders im Frühjahr 2020. Gemeinsam haben die Teams von Rat auf Draht und SOS-Kinderdorf anonymisierte Anruf-Protokolle ausgewertet, um ein tieferes Wissen über die konkreten Belastungen von Kindern und Jugendlichen zu erhalten und strukturelle Herausforderungen aufzuzeigen.


Schon vor dem ersten Lockdown zeigten erhobene Daten, dass rund 20 % der jungen Menschen in Österreich durch verschiedenste Faktoren belastet sind. Der Lockdown hat besonders für Kinder, Jugendliche und deren Familien psychische und soziale Herausforderungen verstärkt. Gleichzeitig fällt die psychosoziale Versorgung weg, die gerade in dieser Situation so wichtig wäre, um Probleme zu bearbeiten und zu lindern.

Ines Findenig
Wissenschaftliche Mitarbeiterin SOS-Kinderdorf

 

 

Mehrfachbelastungen, Angst und fehlende Unterstützung

Die Beratungen von Rat auf Draht zeigen deutlich, dass sich bei Kindern und Jugendlichen die psychosozialen und psychischen Mehrfachbelastungen verstärkt haben. Sie selbst, ihre Familien oder nahestehende Menschen leiden vermehrt unter schwerwiegenden Belastungen wie Angst, Depressionen, Suizidgedanken, Schlafstörungen, selbstverletzendem Verhalten oder Essstörungen.

"Anruferin (15) macht sich große Sorgen um einen Freund (15). Die Situation zu Hause ist sehr schwer, weil die Familie krankheitsbedingt sehr arm ist. Die Mutter ist schwer depressiv und der Vater scheint auch sehr überfordert zu sein. Der Freund zahlt daheim regelmäßig mit, damit die Familie nicht aus der Wohnung fliegt. Normalerweise kommt der Freund gut damit zurecht, aber durch die Corona-Krise hat sich die Situation drastisch verschärft und sie mussten sich die letzten zwei Monate Geld ausborgen, um die Miete zahlen zu können. Das hat die Belastung des Freundes massiv erhöht, sodass ihre Gespräche über sein Befinden immer mehr von konkreten Suizidgedanken geprägt sind." – Protokollbeispiel

Viele der jungen Anruferinnen und Anrufer kämpfen mit Ängsten rund um das Virus: Angst, sich selbst oder andere anzustecken, sowie Angst um Menschen im nahen Bekannten- und Verwandtenkreis, die einer Risikogruppen angehören. Das Gefühl, nicht ernst genommen zu werden, belastet immens und bringt die Anrufer*innen zusätzlich unter Druck.

Als fatal erwies sich im ersten Lockdown auch der Wegfall von dringend notwendigen psychosozialen Netzwerken und Versorgungsstrukturen.

"Anruferin (17) leidet unter schweren Depressionen und musste wegen der Maßnahmen ihre Psychotherapie und eine Behandlung in einer Tagesklinik auf Eis legen. Ihre Therapeutin ist zurzeit nicht erreichbar." - Protokollbeispiel

Bereits der erste Lockdown wirkte sich also massiv auf die psychosoziale Gesundheit von Kindern, Jugendlichen und ihren Familien aus. Weitere Lockdowns und Einschränkungen folgten. Expertinnen und Experten warnen bereits vor den langfristigen Auswirkungen, die diese auf junge Menschen haben werden.

 

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