15. Jänner 2016

"Was ich in Madaya gesehen habe ist furchtbar"

Die SOS-Mitarbeiterin Abeer erzählt im Interview über die tragischen Eindrücke in der besetzten syrischen Stadt.

"Wir bleiben beharrlich, " so Abeer noch vor einigen Tagen.
Abeer Pamuk ist zusammen mit drei SOS-Kollegen und dem syrischen Roten Halbmond bereits am Mittwoch dieser Woche in die Region gefahren. Beiden Organisationen wurde der direkte Zugang zur Stadt verwehrt.

Die etwa 40.000 Bewohner der eingekesselten Stadt warten seit Monaten auf Hilfe, vor allem Lebensmittel werden dringend benötigt. Am Donnerstag war es dann endlich so weit. Die SOS-Mitarbeiter Abeer, Khaled, Nazih und Ahmed bekamen Zugang.

Wie ausgestorben - die Straßen von Madaya. Foto: Abeer Pamuk
Was hat euch bei eurem Eintreffen in Madaya erwartet?
Die Stadt ist relativ hoch gelegen, es war kalt und regnerisch. Die Straßen wirkten wie ausgestorben, nur wenige Geschäfte waren geöffnet und die Häuser stark beschädigt. Dennoch ist die Stadt voller Menschen - sie sind da, aber das Leben ist weg.

Warum bekam SOS-Kinderdorf als einzige internationale NGO Zugang zur Stadt?
Da wir nicht Teil des Hilfkonvois mit Lebensmittel waren, sondern uns lediglich Überblick über die Lage der Kinder vor Ort machen wollten, durften wir hinein. Die anderen Internationalen Organisationen wurden gestoppt, da dieselbe Anzahl an LKWs zur gleichen Zeit in Madaya, Kafraya und Foa sein muss. So die Bedingungen der Regierungs- und Rebellengruppen.


Ein kleiner Junge blickt schüchtern ins Haus. Foto: Abeer Pamuk
Wie sind die Bedingungen für die Menschen vor Ort?
Verheerend für alle, aber ganz besonders für die Kinder. Sie sind alle bleich und dürr, sind kaum in der Lage zu sprechen oder zu gehen. Die Zähne sind schwarz und sie leiden unter Zahnfleischbluten. Die Mangelernährung wirkt sich ganz offensichtlich auf ihr Wachstum aus. Die Kinder haben ernsthafte gesundheitliche Probleme und sehen viel jünger aus, als sie sind. Bei unseren Besuchen in den Häusern haben wir Erwachsene und Kinder gesehen, die wie Skelette aussahen. Familien, die sich von Gras und gewürztem Wasser ernährt haben und teilweise sogar ihre Katzen essen mussten!
Manche haben versucht über die Berge zu fliehen und Hilfe zu holen, doch die Umgebung ist mit Landminen gepflastert. Viele wurden davon in den Tod gerissen.

Was sind die nächsten Schritte für euch?
SOS-Kinderdorf plant gerade besonders notleidende, vor allem auch verwaiste Kinder aus Madaya zu evakuieren. Sie sollen im SOS-Übergangszentrum in der nähe von Damaskus untergebracht werden. Dort sollen sie die Versorgung bekommen, die sie so dringend benötigen. Das ist vorerst unsere Kernaufgabe. Die UN und andere internationale Organisationen stellen Lebensmittel und medizinische Hilfe bereit.


SOS-Mitarbeiter Ahmed mit drei Geschwistern. Foto: Abeer Pamuk
Wie geht es dir und dem Team persönlich mit den Eindrücken aus Madaya?
Es ist erschreckend zu sehen, welchen Schaden Menschen anderen Menschen zufügen können. Ich habe in den vergangenen Jahren viel gesehen, war viel in Syrien unterwegs aber ich würde sagen, das hier erreicht neue Dimensionen. Hier werden Menschen ihre Grundrechte genommen, sie werden ausgehungert und dem Schicksal überlassen. 

Ein Kind hat einmal zu mir gesagt: " Weißt du, vor den Raketen kann man davonlaufen, aber den Hunger wird man nicht vergessen."

SOS-Kinderdorf hilft Kindern in Syrien

Die SOS-Nothilfe vor Ort hat bisher 88,500 Kinder – die meisten davon Binnenflüchtlinge – unterstützt.  5,700 Lebensmittelpakete, 16,000 Schultaschen, 50,000 Decken und 65,000 Winterjacken wurden bisher verteilt. 3000 Kinder konnten an Freizeitaktivitäten teilnehmen, 300 haben psycho-soziale Hilfe erhalten.

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