Muttergefühle
6. Mai 2016

Muttergefühle

Wie lebt es sich mit dem "Beruf Mutter"?

Eltern haben den wohl wichtigsten Job der Welt. Ohne sie würde es uns schließlich gar nicht geben. Monatliches Gehalt und fünf Wochen Urlaubsanspruch? Davon können die meisten Eltern allerdings nur träumen. Im SOS-Kinderdorf ist das anders.

Es ist Muttertag. Fünf Kinder zwischen 7 und 11 Jahren stellen sich den Wecker schon ganz früh, schleichen sich heimlich in die Küche und bereiten das Frühstück vor. Simone Winkler hat das längst bemerkt, stellt sich aber schlafend, bis die Kinder sie holen. Nach dem Frühstück muss sich Winkler für die Zeremonie hinsetzen, während jedes Kind stolz sein vorbereitetes Geschenk präsentiert. So laufen Muttertage bei Simone Winkler meist ab.

Seit sechs Jahren ist sie als SOS-Kinderdorfmutter in Altmünster für ihre Schützlinge zuständig, die Kleinste war damals erst ein Jahr alt. 

Mutter in Ausbildung

Mehr als nur ein Job: das Leben als SOS-Kinderdorfmutter- oder vater. Foto: SOS-Archiv
Mütter in SOS-Kinderdörfern sind ausgebildete Familien- und Sozialpädagoginnen oder Kindergartenpädagoginnen mit Praxiserfahrung, Quereinsteiger absolvieren ein Kolleg für Sozialpädagogik und werden drei Jahre lang berufsbegleitend geschult, bis sie selbstständig eine Familie übernehmen
dürfen.
Derzeit sind 60 Mütter und zwei Väter in den zehn SOS-Kinderdörfern aktiv, um ca. 7.100 Kinder kümmert sich SOS-Kinderdorf aktuell.

Quereinsteigerin Simone Winkler wollte schon immer mit Kindern arbeiten. "Ich liebe meinen Beruf einfach. Die Kinder sind mir ans Herz gewachsen. Wenn das nicht so wäre, wäre ich die Falsche dafür." Natürlich gibt es auch Tage, an denen alles zu viel wird. Aber davor ist keine Mutter bewahrt. Die gelernte Malerin hat nicht vor, irgendwann einen anderen Beruf zu ergreifen. Sie denkt sogar
schon weiter. "Ich will unbedingt Kinder! Zwei oder drei dürfen es schon werden." Mit ihrer eigenen Familie will sie dann ganz genauso im SOS-Kinderdorf weiterleben. Dass das sehr gut klappen kann, sieht sie an den positiven Vorbildern. In den Dörfern leben Paare oder ganze Familien mit den zu betreuenden Kindern zusammen.

Schicksalsschläge

Durchschnittlich kommen auf jede SOS-Kinderdorfmutter fünf Kinder. Die Kinder werden versorgt, gefördert und zur Selbstständigkeit erzogen. Das Wichtigste ist jedoch: Sie erfahren, was es heißt, in einem liebevollen Zuhause aufzuwachsen. Oft kommen die Kinder aus einem zerrütteten Elternhaus oder haben schon in frühen Jahren schwere Traumata erlitten.

Winkler leidet in solchen Fällen mit. "Wir haben schon schwere Zeiten durchgemacht. Vier meiner Kinder sind Geschwister, Vor zwei Jahren ist deren leibliche Mutter gestorben. Das mitzuerleben war sehr hart für uns alle. Bei einem Kind wurde im Alter von drei Jahren ein Gehirntumor entdeckt. Das hieß: wochenlange Krankenhausaufenthalte und ständige Sorge. In solchen Situationen bin ich besonders dankbar für den Zusammenhalt im SOS-Kinderdorf. Ohne die Hilfe wäre das alles schwer zu bewerkstelligen."

Wenn die Kinder ganz unbeschwert sind und ihre Sorgen vergessen, ist es für Simone Winkler am schönsten. Etwa im Urlaub oder bei alltäglichen Kleinigkeiten, wenn sie lachen. Wenn Simone Winkler frei hat werden die Kinder von zwei Familienpädagogen betreut. Teilweise packt sie die Kinder sogar ein und macht sich mit ihnen eine schöne Zeit im Kreise der Eltern und Geschwister, die wie Großeltern, Tanten und Onkel für die Kinder sind. 

Entwicklung

Die Verbindung zwischen SOS-Familien bleibt oft ein Leben lang bestehen. Foto: SOS-Archiv. 
Irgendwann werden auch die Kinder im SOS-Kinderdorf erwachsen. Beim Gedanken daran kommen gemischte Gefühle auf. "Ich bin einerseits traurig, aber auch sehr gespannt. Ich stelle mir dann Fragen wie: Schaffen sie es? Welchen Weg schlagen sie ein? Die Sorgen einer Mutter."

Gerhard Pohl, Leiter der SOS-Kinderdörfer Altmünster und Rechberg, ist selbst bei SOS aufgewachsen. Im Alter von sieben Monaten, wurde er Teil der SOS-Kinderdorffamilie. Seine Kindheit sei sehr glücklich und eigentlich ganz normal verlaufen. Erst im Kindergarten wurde ihm bewusst, dass er nicht das leibliche Kind seiner Kinderdorfeltern ist.

Gefehlt hat es ihm an nichts. "Das SOS-Kinderdorf ist ein lebenslanger Anker. Für kleinere Kinder, die nicht bei ihrer leiblichen Familie aufwachsen können, ist das die optimale Betreuungsform. Es ist einfach immer jemand für dich da." Im Jugendalter hat Pohl seine leibliche Familie kennengelernt. "Das waren fremde Personen für mich. Ich habe meine Mutter etwa drei Mal getroffen, danach nie wieder." Der Kontakt zu seiner SOS-Kinderdorfmutter ist bis zu ihrem Tod vor zwei Jahren nie abgebrochen.

Was die PädagogInnen schaffen, davor hat Pohl größten Respekt. "Die Arbeit der SOS-Kinderdorfmütter und -väter ist kein normaler Beruf, auch wenn sie ganz klassisch angestellt sind und Urlaub in Anspruch nehmen können. Es ist eine Lebensform. Was diese Personen leisten, kann man mit Stunden nicht bewerten."

Text: Katharina Freidl, erschienen in Moments (Oberösterreich) 5/2016
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