Verlorene Kindheit: Fünf Jahre Krieg in Syrien
10. März 2016 | Syrien

Verlorene Kindheit: Fünf Jahre Krieg in Syrien

Die Syrerin Abeer Pamuk, die bis vor kurzem in Syrien gearbeitet hat, war eine der ersten Helferinnen, die im Februar dieses Jahres Zugang in die besetzte Stadt Madaya erhielten. Mittlerweile lebt und arbeitet sie in Casablanca. Immer noch für SOS-Kinderdorf.

 
Abeer hat während ihrer Arbeit viele Kinderschicksale kennengelernt.

Du hast vor kurzem Syrien verlassen. Wie sah der Alltag dort aus?
In Aleppo vergisst du die Bomben, weil es Dinge gibt, die viel schlimmer sind. Wassermangel, Stromausfälle und der Mangel an medizinischer Versorgung betreffen die Menschen unmittelbar. Der Krieg steckt in jedem einzelnen Detail, er ist da, bei allem was du tust. Du gewöhnst dich an den Lärm der fallenden Bomben, aber du gewöhnst dich nicht an die Dunkelheit. Krieg heißt, dass du in einem Zimmer mit deiner Familie sitzt, du aber nur ihre Schatten sehen kannst. Dass du die Wände berührst, um dich im Haus zurechtzufinden.
Ich war verzweifelt, als ich in Aleppo gelebt habe – und glücklich, als ich dann ins SOS-Hauptbüro nach Damaskus wechseln konnte.
 
Wie gingst du mit der permanenten Gefahr um?
Ich versuchte so normal wie möglich zu leben. Wenn du Sachen von früher machen kannst, vergisst du für einen Moment den Krieg. Wenn ich mit Freunden zusammen etwas aß, das wir früher gerne gegessen haben, schlüpfte ich in eine andere Welt und konnte den Krieg in dem Moment vergessen.
 
Was geht in dir vor wenn du das Elend der Kinder in Syrien siehst?
Diese Kinder werden durch die Erfahrungen ihrer Kindheit geprägt. Sie wachsen in einer Gesellschaft auf, die von Dunkelheit geprägt ist. In einem Krieg, den sie sich nicht ausgesucht haben. Kein Kind kommt auf die Welt und ist gewalttätig oder aggressiv. Aber Kinder, die nichts anders kennen lernen, laufen Gefahr zu gewaltbereiten Erwachsenen zu werden. Es ist unsere Aufgabe, das zu verhindern.

Abeer mit Wael aus Aleppo, der von einer Kugel im Gesicht getroffen wurde.

 

Gibt es Momente deiner Arbeit, die dir besonders in Erinnerung geblieben sind?
Es gibt viele, aber an einen kann ich mich ganz besonders erinnern: Wael aus Aleppo wurde am Balkon von einem Scharfschützen in den Kiefer geschossen. Ich habe ihn im Krankenhaus besucht und ihm Spielzeug mitgebracht. Er konnte nicht sprechen und hat auf einen Zettel geschrieben: „Ich bin glücklich, aber ich kann nicht lächeln.“ Nachdem er zum zweiten Mal operiert wurde,  lag er für 12 Stunden im Koma.  Ich bin wieder mit Spielzeug und Malbüchern ins Krankenhaus, um ihn zu besuchen. Um fünf Uhr früh rief dann seine Mutter an und erzählte mir, dass Wael aus dem Koma erwacht ist.

Was muss getan werden um den Kindern in Syrien zu helfen?
Das Wichtigste ist, den Kindern eine sichere Umgebung zu schaffen. Der Krieg geht ins sechste Jahr und eine verlorene Generation wächst heran.

In den letzten Wochen wurde viel über die besetzte Stadt Madaya gesprochen. Was ist mit den anderen besetzten Gebieten in Syrien?
SOS-Kinderdorf ist, was Kinderschutz betrifft, eine der führenden Organisationen in Syrien. In besetzten Gebieten wie Madaya verlagert sich unsere Arbeit von reinen Betreuungsmaßnahmen zu lebensrettenden Maßnahmen. Solange ein Gebiet belagert ist, geht es für die Menschen dort um Leben und Tod. Wenn Hilfsorganisationen kein Zugang gewährt wird, ist die Evakuierung von notleidenden Kindern in eines unserer Kinderschutzzentren eine wichtige Option.
 
Was macht dich stolz, wenn du an deine Arbeit für SOS-Kinderdorf in Syrien denkst?
SOS-Kinderdorf nimmt die Schwächsten an der Hand und gibt ihnen Hoffnung. Diese Hilfe kann Leben verändern und nachhaltig beeinflussen. Ich bin glücklich, ein Teil dieser Hilfe zu sein. Und es freut mich, wenn die Kinder bei meinen Kollegen nach mir fragen.


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Weiterführende Links:

 
 
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