29. August 2016 | Syrien-Nothilfe

"Die Kinder verlieren ihre komplette Sicherheit"



Katharina Ebel von der Nothilfe der SOS-Kinderdörfer in Syrien hat in einem NDR Info Interview geschildert, wie die Lage für die Kinder in Syrien zurzeit ist und welche Hilfe sie benötigen.

 
Der Syrien-Konflikt in Zahlen. Bitte auf die Lupe klicken, um die Grafik zu vergrößern!
Frau Ebel, Kinder leiden am meisten unter dem Krieg und den Folgen, sie haben keine große Lobby. Das ist Fakt. Schildern Sie doch bitte einmal, wie es den Kindern in Syrien zurzeit geht, mit denen Sie in den Kinderdörfern in Kontakt kommen?

Katharina Ebel: Die Lage für Kinder ist ziemlich dramatisch. Also, Sie müssen sich vorstellen, diese Kinder verlieren ihre komplette Sicherheit. Es ist nicht nur, dass sie teilweise ihre Eltern verlieren, sondern es fängt damit an, dass sie mehrfach vertrieben werden, weil sie vor Bomben flüchten. Sie flüchten vor Gewalt, sie verlieren ihr Zuhause. Das ist alles nicht leicht zu nehmen. Und selbst, wenn sich die Gewalt in Grenzen hält, ist es etwas anderes, ob sie dann plötzlich auf der Straße stehen mit nichts und auch nicht mehr so richtig wissen, wohin sie sollen.

Werden denn dann auch Familien wieder zusammengeführt oder haben Sie quasi eine immer größer werdende Zahl von Kindern zu betreuen? Wie viel Kapazitäten haben Sie denn?

Ebel: Wir stocken gerade mächtig auf. Das heißt, wir versuchen, Familien auch wieder zusammenzuführen. Wir arbeiten mit den Behörden zusammen, wir arbeiten mit anderen Organisationen zusammen, wie zum Beispiel auch mit dem Roten Halbmond hier in Syrien. Wir arbeiten mit der Polizei zusammen und versuchen natürlich Eltern von Kindern ausfindig zu machen. Wir haben mächtig aufgestockt, gerade in den letzten Wochen, auch für alleinstehende Mütter mit Kindern. Ja, und ansonsten kümmern wir uns schlicht jetzt um die Nothilfe. Aber wir können jetzt nicht davon reden, dass wir enorm viele Kinder haben, die ganz alleine sind. Sondern die Situation ist eher so, dass viele Kinder schon ihre Eltern verloren haben - das ist ein Fakt. Aber die dann auch - wie das bei uns letztendlich auch wäre - von Verwandten aufgenommen werden.

In konkreten Zahlen, was bedeutet das: Wie viele Kinder haben Sie im Moment bei sich vor Ort?

Ebel: Allein in der Übergangsunterkünften ungefähr 250.

Inwieweit können Sie helfen? Geht es jetzt wirklich nur um ein Dach über dem Kopf, ein bisschen Sicherheit zu bieten, also ums Überleben, oder können Sie auch psychologisch helfen, geht es auch um Schulbildung?

Ebel: Es ist enorm wichtig, dass wir ihnen auch psychologisch weiterhelfen. Diese Kinder sind zum Großteil traumatisiert, die haben extrem viel durchgemacht. Und wenn wir ihnen nicht helfen, gehen die tatsächlich verloren. Also, verloren in dem Sinne, dass sie ein chronisches Trauma entwickeln und aus diesem Trauma auch nicht wieder herauskommen werden. Das wird ihre Entwicklung hemmen, das wird Einfluss auf ihre Schulbildung nehmen. Diese Kinder können dann gar nicht mehr zur Schule gehen, weil sie gar nicht aufnahmefähig sein würden. Insofern stecken wir gerade ziemlich viel Arbeit da rein, diese Kinder wieder zurückzubringen. Also letztendlich wieder zurückzuholen, ihnen wieder Sicherheit zu geben, mit ihnen zu spielen, mit ihnen zu malen, ihnen einen normalen Alltag wieder zu geben. Aber das ist nicht leicht, das braucht sehr viel Zeit.

Haben Sie eine Geschichte bei einem Kind, wo Sie sagen, das lässt mich auch abends und nachts nicht los, da denke ich viel drüber nach?

Ebel: Also, wir haben ein Geschwisterpärchen gehabt, das sind zwei Jungs. Als ich das erste Mal in Syrien war, wurden mir die beiden vorgestellt. Sie wurden getrennt auf der Flucht und haben sich in einer Übergangsunterkunft in Damaskus zufällig wieder getroffen. Das war ein absoluter Zufall. Aber diese Kinder sind so traumatisiert, weil sie auf der Straße gelebt haben. Weil sie so vieles erlebt, was einem Kind niemals passieren sollte. Dass sie auch teilweise Schwierigkeiten haben, in einem geregelten Alltag zu leben. Und diese Kinder haben wir zum Beispiel wieder auf der Straße gefunden, die sind weggelaufen, und die haben wir heute wiedergefunden und ich fand es jetzt tatsächlich sehr berührend, weil der kam auf mich zu und sagte: "Ich kenn dich, ich habe dich neulich schon einmal gesehen." Und ich habe gesagt: "Stimmt, du hast mich vor einem Jahr gesehen." Und es ist tatsächlich auch für mich herzzerreißend, dass es für diese Kinder so extrem schwierig ist, diesen Kreislauf zu durchbrechen, diesen Kreislauf von Leid letztendlich, die haben keine Kindheit und sie in diese Kindheit wieder zurückzubringen, ist sehr schwer.
 
 
Univ. Prof.in Dr.in Kathrin Sevecke.

Experten-Interview

Univ. Prof.in Dr.in Kathrin Sevecke, Direktorin der Univ.-Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie Innsbruck über Flucht und Kinder.

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