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Kinder-Los – 23.06.17

Kinder-Los

Wir waren schwanger: Oft ist der Weg zum Elternwerden beschwerlich – oder es klappt gar nicht. Weil auch die Fortpflanzungsmedizin ihre Grenzen hat.

Ein sonniger Frühlingstag in Wien Neubau. Junge Eltern schieben Kinderwägen über den Gehsteig, Kindergartenkinder gehen Hand in Hand spazieren, an jeder Ecke gibt es Shops für niedliche Kindersachen und in einem dieser neuen Cafés, die für den Nachwuchs ihrer Gäste gerne auch mal mit Milchschaum einen "Babycino" machen, sitzt Katja. Eine junge Frau Anfang dreißig, groß, blond, lebenslustig – und kinderlos. Dabei will sie Kinder, unbedingt. Katja trägt in Wirklichkeit einen anderen Namen, den sie für diesen Text aber nicht preisgeben will. Es ist ihre Geschichte und die ihres Mannes. Die intime Geschichte von einem – bislang – unerfüllten Kinderwunsch mit einem hoffentlich guten Ende.
 


"Natürlich tut es auch manchmal weh, wenn man Mütter und Väter mit ihren Kindern sieht. Manchmal hat man keine große Lust, da mittendrin zu sein."

Katja


Die Fortpflanzungsmedizin hat sich weiterentwickelt. Als vor bald vierzig Jahren in Großbritannien das erste "Retortenbaby" zur Welt kam, war das eine Sensation. Heute finden ungewollt Kinderlose in jeder größeren Stadt Kinderwunschzentren, die sich auf künstliche Befruchtung spezialisiert haben.

Seit in Österreich 2015 ein neues Fortpflanzungsmedizingesetz in Kraft trat, gibt es auf dem Gebiet noch mehr Möglichkeiten. Zum Beispiel sind nun auch Samenspenden für lesbische Paare oder Eizellenspenden erlaubt. 6153 Frauen begaben sich im Jahr 2015 in Österreich in Behandlung für eine künstliche Befruchtung, von 9101 Versuchen glückten 2064, heißt es bei der Österreichische IVF-Gesellschaft. Laut der liegt die Wahrscheinlichkeit einer Schwangerschaft pro Zyklus im Durchschnitt bei rund 25 bis 30 Prozent. Und nicht jede künstlich erzielte Schwangerschaft endet mit einem lebend geborenen Kind: Ein Viertel der Schwangerschaften endet vorzeitig.
 

Frustrierende Momente

Unter bestimmten Voraussetzungen übernimmt der IVF-Fonds 70 Prozent der Kosten für maximal vier Versuche. Viele Paare geben schon früher auf; der Selbstbehalt für so eine Behandlung – um die 1000 Euro – ist dabei nicht unbedingt der Grund. Auf den Homepages der Institute jubeln Eltern und danken den Ärztinnen und Ärzten. Verständlich, dass man die frustrierenden Momente rund um die Fortpflanzungsmedizin nicht so ins Licht rückt.

"Wir waren auch schon schwanger", erzählt Katja, "zweimal sogar." Sie spricht von wir und meint sich und ihren Mann. Nachdem sie auf natürliche Weise nicht schwanger werden konnte, ließ sie sich in einem Kinderwunschzentrum beraten und dort auch behandeln.

Bei der ersten Schwangerschaft verlor sie das Kind in der sechsten Woche. Beim zweiten Mal kam es in der achten Woche zu Komplikationen: Eileiterschwangerschaft, Not-OP, Katja wäre fast gestorben. "Zu Beginn bin ich noch naiv, geradezu euphorisch gewesen", sagt Katja. Sie hat sich über die Möglichkeiten der künstlichen Befruchtung informiert, einen Arzt gefunden. Aber letztlich sei es auch eine "ewige Tortur" gewesen.

Die Hormone, die sie während der Behandlungszeit nehmen musste, damit in ihren Eierstöcken Eizellen heranreiften, wirkten sich auch auf ihre Psyche aus. Dazu kam auch noch dieses Hamsterrad aus Hoffnung und enttäuschter Erwartung.

Ob das Glück der Anderen die Kinderlose unglücklich macht? Nein, sagt Katja, lächelt und erzählt von ihrem christlichen Background, wo Kinder aus Liebe zur Ehe dazugehören. "Kinderglück gönnt man doch jeder Frau." Aber Verletzungen hätte es gegeben. "Natürlich tut es auch manchmal weh, wenn man Mütter und Väter mit ihren Kindern sieht. Manchmal hat man keine große Lust, da mittendrin zu sein." Wütend macht sie ihre eigene Situation aber nicht.
 

"Kein Tabuthema"

In ihrem privaten Umfeld sind Katja und ihr Mann offen mit ihrem Schicksal umgegangen. "Kinderlosigkeit ist für uns kein Tabuthema", sagt sie. "Und wenn man Freunden und Familie offen davon erzählt, werden auch die nervigen Fragen seltener, wann denn endlich der Nachwuchs kommt. Schließlich sind wir schon ein paar Jahre verheiratet."

Schwerer war es schon, die Enttäuschungen, den großen Frust nach der großen Freude über eine Schwangerschaft zu meistern. "Ich glaube nicht, dass man das, was wir erlebt haben, zu zweit verarbeiten kann", sagt Katja und empfiehlt Paaren mit unerfülltem Kinderwunsch unbedingt eine Therapeutin oder einen Therapeuten, einen Coach oder Selbsthilfegruppen.

"Wie immer ist es auch hier so: Wenn man merkt, dass man mit seinem Schicksal nicht alleine ist, hilft das schon sehr." Sie und ihr Mann fanden Unterstützung bei einer Therapeutin, die sich auf ungewollt Kinderlose spezialisiert hat. Vor einem Jahr haben die beiden beschlossen, ein Pflegekind bei sich aufzunehmen. Die Ausbildung dafür haben sie gerade abgeschlossen.

Jetzt kann jederzeit das Telefon läuten. "Wir müssten die Wohnung noch ein bisschen adaptieren", sagt Katja. "Aber das geht dann ganz schnell." Ihr Kind wird es gut haben.

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