Das Magazin von SOS-Kinderdorf
23. Juni 2017 | Funkstille

Bitte höre, was ich nicht sage

Manche Gräben innerhalb der Familie lassen sich einfach nicht mehr überwinden. Die deutsche Autorin TINA SOLIMAN hat dem Phänomen des plötzlichen, wortlosen Kontaktabbruchs einen Namen gegeben: Funkstille.

Tränenüberströmt stand sie da, hielt mir mein Buch "Funkstille" hin, wollte eine Signierung, konnte aber nichts sagen. So als würde sie sich auflösen, wenn sie die Worte loslassen würde, die sie so lange in sich gefangen gehalten hatte.

Andere wiederum berichten bereitwillig von der Funkstille, dem plötzlichen Kontaktabbruch ohne Erklärung, von dem Sich-nicht-gehört-fühlen. Sie sind "Abbrecher". Die Frau, die tränenüberströmt vor mir stand, war so eine Abbrecherin. Ich gab ihr meine Telefonnummer, erfuhr nach und nach ihre Geschichte und verstand einmal mehr, dass der Abbruch nicht völlig unerklärlich und auch nicht aus heiterem Himmel passiert.

Anja (40), die Frau bei der Lesung, hatte den Abbruch zu ihrer Mutter von langer Hand geplant. Ihre Mutter nahm nicht wahr, dass die Tochter sich immer mehr von ihr entfernte, bis Anja nicht mehr nach Hause kam. Fünf Jahre Funkstille – und immer noch sucht die Mutter nach dem einen Auslöser, den es nicht gibt.
 
Das Familienalbum nach der Funkstille: Was muss alles zusammenkommen, dass man einen Angehörigen aus dem Leben schneidet? Fotos: eyenigelen /E+/Getty Images, Shanina/Getty Images Plus


Es war nicht der letzte Streit oder das letzte Telefonat, sagt Anja. Es waren die Jahre zuvor, die Kontakte, die sie so sehr verletzten, dass ihr ein Bruch am heilsamsten erschien. Anja erinnert sich an eine Situation auf dem Bahnhof, als ihre Mutter sie einfach mit dem Koffer in der Hand stehen ließ. Die Tochter verließ zum ersten Mal ihre Heimatstadt, reiste für ein Jahr als Au-pair weit weg. Ihre Mutter brachte sie zum Bahnhof, drehte sich um und ging ohne ein Wort. Warum schmerzt diese Szene noch heute? Wenn Anja wieder panische Verlustangst überwältigt, werden so genannte Trigger aktiviert. Es sind Schlüsselreize, die Gefühle aus der Ursprungsszene, die dann wieder hochkommen. Jahre später taucht Anja ab und zeigt damit ihrer Mutter, wie es sich anfühlt, stehen gelassen zu werden.
 

Gespeicherte Konflikte

Es gibt wohl keinen Menschen, der nicht in seinem Unbewussten abgewehrte Konflikte gespeichert hat. Entscheidend ist, dass darin nicht nur eine Unfähigkeit zur Lösung eines bestimmten Beziehungskonflikts verborgen ist, sondern zugleich auch Lebensenergie, die den Betroffenen nicht mehr zur freien Verfügung steht und damit die Lebensmöglichkeiten einschränkt.

Anja sagt, sie denkt oft an ihre Mutter. Und dass es Energie kostet, diese Wunde tagtäglich zu betäuben. Sie sagt auch, dass sie selbst erst Jahre später erkannt hat, dass diese Szene – eine von vielen dieser Art – ein weiterer Stein auf die Mauer war, die zwischen ihr und ihrer Mutter immer dicker und höher wurde. Lange Zeit war ihr nicht bewusst, dass die Funkstille mit unverarbeiteten Verletzungen zu tun hatte. Sie handelte aus Notwehr, fast reflexhaft. Ein Überlebens-, ein Bewältigungsversuch. Hinter ihrer Schutzmauer aus Schweigen wollte sie über diese schwierige Beziehung zu ihrer Mutter nachdenken.

Denn gerade in der Zeit vor der Funkstille schien der Kontakt fast schon ausgeglichen. Es gibt häufig eine scheinbare Ruhe vor dem Abbruch, der aber ein gewaltiger innerer Tumult der Abbrecherin oder des Abbrechers vorangeht. Nichts hält inne in dieser Zeit vor dem Bruch. Alles bewegt sich, die Gedanken schmerzen, die Verletzungen wollen nicht heilen.
 
 


Wie unmöglich musste es für ihre Mutter sein, dies zu erkennen? Die Möglichkeit, sich zu verteidigen, aufzuklären, bleibt ihr versagt. Was die Verlassenen einfordern, ist: Plausibilität, also der Sinn hinter dem für sie unerklärlichen Verhalten. Was also hatte ihre Mutter falsch gemacht? Anja versucht eine Einordung: "Letztendlich fühlte ich mich ein Leben lang ungeliebt." Doch sie sprach nicht darüber. Daher war das Erstaunen der Mutter auch groß, als Anja sich nicht mehr meldete.

Gerade in Familien ist es schwierig, bestehende Konstellationen und Machtverhältnisse aufzubrechen. Es passieren die immer gleichen Verletzungen, die wie Hiebe auf die immer gleiche Wunde wirken. Und da man sich den Eltern schwerlich anderweitig entziehen kann, ist die Funkstille das einzig probat erscheinende Mittel.

Wer nichts sagt und einfach geht, sagt dennoch etwas durch sein Schweigen. Auch wo kein Wort erklingt, kann also eine Antwort sein.

Hilfe für Betroffene

Psychologinnen und Psychologen orten als Grund für die Funkstille oft, dass es in der Familie keine Streitkultur gibt, dass Schweigen also als Strafe benutzt wird. Als Lösungsmöglichkeit wird daher generell dazu geraten, den Konfl ikt nicht zu scheuen, sondern in den Konfl ikt hineinzugehen – am besten mit professioneller Unterstützung.

Es gibt zahlreiche Online-Foren für Betroffene, zum Beispiel:
www.psychologieforum.de, www.verlassene-eltern.de, www.eltern-forum.at

Buch-Tipp

In ihren Büchern "Funkstille" und "Der Sturm vor der Stille" beschreibt Tina Soliman anhand von vielen Fallbeispielen Gründe und Auswirkungen des abrupten familiären Kontaktabbruchs. Beide Bücher sind im Klett-Cotta Verlag erschienen.

www.tina-soliman.de

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