Angesichts des Elends unzähliger Kriegswaisen nach dem Zweiten Weltkrieg und den überfüllten und klinisch wirkenden Waisenheimen initiierte Hermann Gmeiner im Jahr 1949 den Bau des ersten SOS-Kinderdorfes in der Tiroler Kleinstadt Imst. Im Zentrum von SOS-Kinderdorf steht das Bemühen, Kindern, die ihre Eltern verloren haben oder nicht mehr bei ihnen leben können, ein dauerhaftes sowie langfristiges Zuhause und ein stabiles Umfeld zu geben. Diese familiennahe Struktur eines SOS-Kinderdorfes wird von vier wesentlichen Elementen bestimmt: der SOS-Kinderdorf-Mutter, den Geschwister, dem Haus und dem Dorf.
Die Mutter
Jedes Kind bekommt eine SOS-Kinderdorf-Mutter. Sie lebt gemeinsam mit den ihr anvertrauten Kindern (durchschnittlich ca. zwischen fünf und sieben Kinder) in einem eigenen Haus wie eine Familie zusammen. Sie gestaltet mit ihnen den Familienalltag, schafft verlässliche und tragfähige Beziehungen. Durch die Liebe und Geborgenheit bekommen die Kinder ein beschützendes und sicheres Zuhause. Menschen, die sich dazu entschließen mit Kindern zu leben, bekommen eine intensive, fachliche Ausbildung. In ihrer verantwortungsvollen Aufgabe wird die SOS-Kinderdorf-Mutter von pädagogischen Mitarbeitern, dem Dorfleiter, dem Dorfleiterassistenten und Familienhelferinnen sowie Frauen, die sich noch in der Mütterausbildung befinden, unterstützt.
Die Geschwister
Buben und Mädchen unterschiedlichen Alters wachsen wie Geschwister gemeinsam in einer SOS-Kinderdorf-Familie auf. Leibliche Geschwister werden nicht getrennt und so können auch größere Geschwistergruppen zusammen bleiben. Kinder werden bis zum Alter von 10 Jahren aufgenommen, bei Geschwistergruppen kann das Aufnahmealter auch über 10 Jahre liegen. Die Kinder besuchen öffentliche Schulen, da ein großer Wert auf die Integration in die umliegende Gemeinde gelegt wird. Der SOS-Kindergarten steht für Kinder aus der Umgebung offen.
Das Haus
Das Haus ist der beschützende äußere Rahmen einer SOS-Kinderdorf-Familie. Jede SOS-Kinderdorf-Familie lebt in einem Einfamilienhaus, das die Familie nach eigenen Wünschen und Bedürfnissen gestaltet. Das Wohn- und Esszimmer ist das Zentrum des sozialen Lebens der Familie. Meistens haben zwei Kinder ein gemeinsames Kinderzimmer, das sie zusammen mit ihrer SOS-Kinderdorf-Mutter so einrichten und dekorieren, dass sie sich wohl und geborgen fühlen.
Das Dorf
Jedes SOS-Kinderdorf besteht aus durchschnittlich 10 bis 15 Familienhäusern. In vielen Dörfern gibt es einen Kindergarten, den auch Kinder der umliegenden Gemeinden besuchen. Die Familienhäuser sind in die Dorfgemeinschaft eingebettet. und auf diese Weise wird den Kindern das Gefühl von Heimat und Zugehörigkeit vermittelt. Das SOS-Kinderdorf ist ein offener Ort. Die Integration der SOS-Kinderdorf-Kinder in ihr nachbarschaftlichen Umfeld wie auch der Austausch und die Begegnung mit den Nachbargemeinden wird besonders gefördert.
Wichtig ist die Förderung der Selbstständigkeit
Besonderes Augenmerk wird auf eine intensive Vorbereitung der Kinder auf ein selbstständiges Leben gelegt, um die Integration in das gesellschaftliche Umfeld zu unterstützen und berufliche Perspektiven zu eröffnen. Jenen Einrichtungen, die das SOS-Kinderdorf ablösen und die Jugendlichen in ein selbstverantwortliches und unabhängiges Erwachsenenleben begleiten, kommt damit eine wesentliche Bedeutung zu. Zu diesen weiterführenden Einrichtungen gehören in Österreich die SOS-Jugendwohneinrichtungen.
Breites Hilfsangebot in der internationalen Arbeit von SOS-Kinderdorf
International ist das Angebot an weiterführenden SOS-Kinderdorf-Einrichtungen aufgrund der Lage im betreffenden Land oft breiter angelegt. Neben SOS-Kinderdörfern und den SOS-Jugendwohneinrichtungen gibt es auch SOS-Berufsbildungszentren sowie SOS-Hermann-Gmeiner-Schulen und darüber hinaus noch andere Einrichtungstypen bzw. Hilfsprogramme, die vor allem der nachhaltigen Verbesserung der Lebensbedingung von Familien in der Nachbarschaft zugute kommen. SOS-Sozialzentren, SOS-Kindergärten, SOS-medizinische Zentren, SOS-Ausbildungseinrichtungen und SOS-Schulen werden nicht nur von Kindern und Jugendlichen aus den SOS-Kinderdörfern genutzt, sondern stehen der Öffentlichkeit zur Verfügung. Der Schwerpunkt liegt dabei in Weiterbildung von Frauen und Jugendlichen, in der Grundsicherung von medizinischer Versorgung und in der langfristigen Verbesserung der sozialen Bedingungen. In akuten Notsituationen wie Naturkatastrophen und Konflikten versucht SOS-Kinderdorf durch rasch und unbürokratisch durchgeführte SOS-Nothilfeprogramme vor allem Kindern, Frauen und Familien dringend benötigte Unterstützung zukommen zu lassen.