Die Kinder wissen, das hier ist jetzt ihre Familie 

SOS-Kinderdorf-Mutter Johanna Waldner (SOS-KD Osttirol) im Interview mit SOS-Kinderdorf-Mitarbeiterin Carola Vogl, selbst Mutter einer Tochter.

"Johanna, wie schaffen Sie das mit fünf Kindern? Ich hab nur eins, und bin damit oft schon grenzwertig überfordert."

Johanna lacht. Sie hat Fotos mitgebracht. Stolz zeigt sie mir ihre Bande, vier Jungs und ein Mädchen zwischen fünf und elf Jahren. Blonde, fröhliche Kinder, auf den ersten Blick einander so ähnlich und so vertraut, als wären sie alle miteinander verwandt. Innerhalb weniger Monate sind alle fünf zu ihr gekommen; das ist mittlerweile schon einige Jahre her.

"Es ist alles eine Frage der Einteilung", antwortet Johanna bestimmt, "natürlich gibt es auch eine Familienhelferin, die uns unterstützt, aber so viele Stunden sind das zumeist auch nicht. Am Vormittag mach ich den Haushalt und koche, am Nachmittag bleibt Zeit für die Hausübungen und Spielen. Wir unternehmen auch ganz viel gemeinsam, wir gehen Rad fahren, im Wald spazieren, oder wir gehen auch mal gemeinsam in die Stadt.

Ich find auch, es muss im Haushalt nicht immer alles perfekt sein, ich muss nicht die ganze Zeit putzen. Es soll zwar möglich sein, das jederzeit Besuch kommen kann, aber wenn mal das Lego kurz liegen bleibt, ist mir das nicht so wichtig. Und wenn sich’s mal nicht ausgeht, dass wir um zwölf essen, geht die Welt auch nicht unter.

Für mich selbst", fügt Johanna hinzu, "brauch’ ich es immer wieder, dass ich mir frei nehme und aus dem Dorf raus geh. Ich hab meinen Freundeskreis, wir fahren immer wieder ein paar Tage weg auf Wellness-Urlaub. Ich fahre auch immer wieder heim zu meinen Eltern und Geschwistern, ich helfe dort mit auf dem Hof, das ist zwar wieder Arbeit, aber das ist ganz was anderes. Wenn ich so Abstand gewonnen hab, freue ich mich immer wieder sehr aufs Heimfahren und auf die Kinder.

"Johanna, haben Sie das Gefühl, Sie sind in Ihrer Ausbildung gut auf den Alltag und die Herausforderungen einer SOS-Kinderdorf-Mutter vorbereitet worden?"

"Ja", antwortet Johanna bestimmt, "im Großen und Ganzen war die Ausbildung wirklich gut. Vor allem die verschiedenen Praktika, die fand ich toll. Wir machten vier Wochen Praktikum im Jugendamt, vier Wochen in der SOS-Jugendwohngemeinschaft, zwei Wochen in der Jugendpsychiatrie, das war besonders wichtig, denn viele unserer Kinder kommen ja direkt von dort zu uns, zwei Wochen im Kindergarten und dann noch zwei Wochen zur freien Wahl, da hab ich mich für die Lebenshilfe entschieden. Danach war für mich klar, das ist es für mich. So ist es mir auch gegangen, als ich das erste Mal ins SOS-Kinderdorf kam; ich hab mich umgesehen und gewusst, hier bin ich daheim.

"Wie fühlen sich die Kinder ihrer Meinung nach im SOS-Kinderdorf, fühlen sie sich dort sicher und behütet, oder wären sie lieber bei ihren Eltern?"

"Ich glaube, alle meine Kinder sind glücklich im Kinderdorf", antwortet Johanna ohne zu zögern, "sie lieben ihre Eltern und freuen sich, wenn sie sie besuchen kommen, aber wenn sie wieder abfahren, dann sind sie nicht traurig oder weinen.

Die Kinder sagen ‘Johanna’ zu mir, das ist mir lieber so, denn sonst fühlt sich die leibliche Mutter zurückgesetzt. Denn sie ist und bleibt die Mama. Mir war von Anfang an bewusst, das sind nicht ‘meine’ Kinder, damit hab ich nie ein Problem gehabt.

Wenn die Übergabe gut läuft, funktioniert auch das Ankommen der Kinder in der Kinderdorffamilie. Die Kinder müssen auf die neue Situation behutsam und gut vorbereitet werden. So war zum Beispiel die Mutter der beiden ältesten Jungs vorher mit dem Jugendamt hier und hat von mir und dem Haus Fotos gemacht, so haben die Buben vorher zumindest schon eine Ahnung gehabt von mir und ihrer neuen Umgebung. Auch mit den beiden anderen Geschwistern hat vor ihrer Aufnahme schon Kontakt bestanden, ich hab sie im Kinderheim besucht, und sie kamen sogar für ein paar Tage zum ‘Schnuppern’ hierher, das ist gleich ganz was anderes.

Die Kinder wissen, das hier ist jetzt ihre Familie, hier sind sie zuhause.

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